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Rotwein und Schlaftabletten stehen auf dem Badewannenrand. Daneben ein greiser Mann, der im Wasserbad versinkt, die Brille sorgsam neben sich abgelegt. Schnell wird klar, um wen es sich bei dem älteren Herren handelt. Es ist kein anderer als der im Nachkriegsdeutschland durch seine Arbeit als unermüdlicher Richter des Nationalsozialismus berühmt gewordene jüdische Hauptakteur des Films DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER. Unvergesslich sein Ausspruch: „Wenn ich mein Dienstzimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland“.

In seinem neuesten Spielfilm thematisiert Regisseur Lars Kraume die Suche des Frankfurter Generalstaatsanwalts Fritz Bauer nach dem in Argentinien untergetauchten SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, der die Deportation von sechs Millionen Juden zu verantworten hatte.

Im Wirtschaftswunder-Deutschland der 1950er Jahre keine so leichte Sache: Die immer noch mit ehemaligen NS-Kadern durchsetzten Machteliten aus Politik und Justiz verhindern eine ordentliche Aufarbeitung der Verbrechen der NS-Zeit. Allen voran Oberstaatsanwalt Ulrich Kreidler (Sebastian Blomberg) und BKA-Mann Paul Gebhardt (Jörg Schüttauf) setzen alles daran, die Ermittlungsarbeit von Bauer und seinem einzigen Verbündeten, dem aufgrund seines jungen Alters noch idealistischen Staatsanwalts Karl Angermann (Ronald Zehrfeld), zu sabotieren. Dabei ist dem ungleichen Team nicht nur ihr Idealismus, sondern auch ihre Homosexualität im Weg, welche sie nicht nur erpressbar, sondern nach damaligen Strafgesetzbuch-Paragraphen 175 auch strafbar macht.

Ähnlich wie in Giulio Ricciarellis ebenfalls im Frankfurt der 50er-Jahre spielendem Drama IM LABYRINTH DES SCHWEIGENS (LICHTER Filmfest 2015) zeigt uns der Film ein filigran ausstaffiertes Setting, welches mit seiner Liebe zu Detail und Authentizität bedenkenlos auch als historisches Reenacment bezeichnet werden kann: Von der obligatorischen Sekretärin im Vorzimmer der zigarrenrauchenden Juristen bis zu Fritz Bauers Fernsehdiskussion im Keller des Hessischen Rundfunks. Selten hat es ein Film geschafft, die gewünschte Atmosphäre so glaubhaft und handlungsverstärkend zu transportieren.

Diese Authentizität wird auch und vor allem von einer Schauspielleistung getragen: Burghart Klaußner schafft es, den stets in herrlich hessischer Mundart und mit trockenem Witz parlierenden Fritz Bauer zum großen Sympathieträger zu machen. Leider fallen die arg platt gespielten Antagonisten Kreidler und Gebhardt qualitativ dagegen ab und wirken teils wie Nazi-Klischees.

Schade auch, dass die Glaubwürdigkeit des Films am Ende leidet, wenn das geneigte Publikum sich fragt, wie es denn mit Staatsanwalt Angermann weitergeht, bis es herausfindet, dass dieser keine zeitgeschichtliche Figur ist, sondern von den Drehbuchautoren erdacht wurde. Dennoch ist diese Entscheidung durchaus verständlich, da der fiktive Angermann als Impetus und Impulsgeber essentiell für Bauers Konfrontation mit seiner Homosexualität ist.

Schließlich lässt sich DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER ja auch nicht nur als reine Geschichtsdokumentation sehen, sondern oszilliert zwischen Biopic, Charakterstudie, Politthriller und zeitgeschichtlichem Dokument. Durch die minutiöse und sorgfältige Darstellung des Zeitgeistes der 1950er-Jahre gelingt es ihm bravourös, neues Leben in einen beinahe in Vergessenheit geratenen Teil der deutschen Geschichte einzuhauchen.

Apropos in Vergessenheit geratene Figuren der Zeitgeschichte: Das Schicksal Fritz Bauers zeigt erschreckende Parallelen zum britischen Informatiker Alan Turing aus THE IMITATION GAME (Morten Tyldum, 2015). Trotz ihrer herausragenden menschlichen Verdienste sind Fritz Bauer und Alan Turing heute so gut wie keinem Schulkind bekannt, waren beide wegen ihrer Homosexualität stets großem Druck ausgesetzt, und endeten schlussendlich auch auf die selbe Weise: Der eine 1954 durch den Biss in einen vergifteten Apfel, der andere 1968 in der Badewanne, mit Rotwein und Schlaftabletten, die Brille sorgsam neben sich abgelegt.

Benjamin Ansari

Zu sehen als Teil der Regionalen Langfilm-Wettbewerbs beim 9. LICHTER Filmfest Frankfurt International.