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SIN SEÑAS PARTICULARES erzählt die Geschichte von Magdalena (Mercedes Hernández), die ihren Sohn Jesús (Juan Jesús Varela) an die US-amerikanische Grenze und die sich dort etablierte Kartell-Kriminalität verloren zu haben scheint. Als klar wird, dass sie von staatlicher Seite aus keinerlei Hilfe bekommt, um ihren Sohn zu finden und man ihn rät, diesen einfach für tot zu erklären, begibt sie sich selbst auf die Suche. Sie begegnet Miguel (David Illescas), der nach fünfjährigem Aufenthalt aus den USA abgeschoben wurde und nun zu seiner Mutter, die wiederum selbst verschwunden ist, zurückkehren wollte. Die beiden verbindet das Leid des Verlustes und vielleicht auch der Schuld. Magdalena, die sich vorwirft, ihren Sohn gehen gelassen zu haben und Miguel, der sich vorwirft, gegangen zu sein. Es entwickelt sich eine Art Mutter-Sohn-Beziehung, in der sich beide Trost spenden.

Ins Deutsche übersetzt bedeutet „Sin Señas Particulares“ so viel wie „Ohne besondere Anzeichen“, ein Titel, der, bezogen auf die Thematik von Fernanda Valadez‘ Spielfilmdebüt aus dem Jahr 2020, sehr passend ist. Magdalenas Sohn Jesús ist verschwunden und es gibt keine besonderen Anzeichen, die helfen würden, ihn wieder zu finden. Der Film schafft eine gewisse Anonymität oder Distanz, wodurch die Zuschauer*innen eine leise Ahnung davon gewinnen, wie die Situation Magdalenas – deren Liebe zu ihrem Sohn grenzenlos zu sein scheint – sein könnte. Das Gefühl, dass wichtige Informationen zurückgehalten werden, dass niemand so richtig weiß, wo die (zum Teil aussichtslos erscheinende) Reise hingeht und besonders das Gefühl der Ohnmacht gegenüber der Kartell-Kriminalität, die sich an der Grenze Mexikos etabliert hat, lässt einen selbst sprachlos zurück.


Jährlich begeben sich hunderte von Mexikaner*innen auf den Weg gen Norden, zur US-amerikanischen Grenze, in der Hoffnung, in den USA ein – zumindest finanziell – besseres Leben zu führen. Der Begriff „besseres Leben“ wird anhand von Miguel, der es zwar über die Grenze geschafft hat, jedoch wieder abgeschoben wird, infrage gestellt. Auch hier greift die Distanziertheit des Films. Ob es ihn bedrückt, dass er wieder zurück nach Mexiko muss oder ob es ihn freut, ist der Interpretation der Zuschauer*innen selbst überlassen, vielleicht wäre allerdings auch passend zu sagen, dass Miguel die absolute Leere oder Reaktion von traumatischen Erlebnissen verkörpert. Die ruhigen und langen Kameraeinstellungen der Landschaft Mexikos wirken schon fast unpassend angesichts der Handlung des Films, im Zusammenspiel ergänzen sie aber, wie auch der Ton, der fast ausschließlich aus Naturgeräuschen besteht, das lähmende Gefühl, das die Suche nach einem geliebten Menschen mit sich bringen muss.

Anzumerken wäre, dass die Begegnung von Miguel und Magdalena, die ziemlich genau in der Mitte des Films stattfindet, das Gefühl der Zuschauer*innen in eine Position hebt, die über den Charakteren steht. Bisher wussten diese genau so viel – oder wenig – wie Miguel und Magdalena, nun fühlt es sich jedoch so an, als trenne das Wissen die Zuschauer*innen von den Charakteren des Filmes. Einerseits ist es schön, dass die beiden einander Gesellschaft leisten und Trost spenden und es ein Leben nach dem Verlust geben kann, auf der anderen Seite hat man das Gefühl, nun den Ausgang des Films zu kennen, was die Spannung zwar nicht rausnimmt, aber erahnen lässt, was passieren wird (oder vielleicht auch nicht?).

Reviewed by: Lotti Schulze