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War einmal?

„Der Knacks“, schreibt Roger Willemsen, „schleicht sich als etwas Unheilbares in den Organismus, entstanden in einem namenlosen Augenblick, als Konsequenz eines Vorgangs, als Impuls, Reflex, Ablösung, als ein Freiwerden in einer ehemals gebundenen Symbiose.“

Der Knacks ist in der Familie von Ronny Trockers „Der menschliche Faktor“ längst angekommen, seine Existenz niemandem ein Geheimnis mehr. Den namenlosen Augenblick, in dem er sich einschleicht, bekommen wir nicht zu sehen. Was uns stattdessen vorgeführt wird, ist die Erschütterung, die aus dem Knacks die Katastrophe macht. Und diese zeigt uns Ronny Trocker als Regisseur und Drehbuchschreiber in seinem zweiten Spielfilm mit aller Wucht.

Nina und Jan führen ihre eigene Werbeagentur, nicht ein, nein zwei Häuser besitzen sie und ihre Kinder machen kaum mehr Ärger, als altersbedingt zu erwarten wäre. Glücklich sollten sie sein, meint man. Zählbares jedenfalls fehlt nicht mehr auf der Inventarliste des Glücks.

Dass von diesem jedoch nichts zu spüren ist, daran lässt der Film von Anfang an keinen Zweifel. Unsicher tastet sich die Kamera in der ersten Szene durch die Zimmer des familieneigenen Ferienhauses. Die Vorhänge sind zugezogen, die Farben gedämpft, die Geräuschkulisse ist ein unheimliches Pfeifen, Rauschen, Knarzen. Wie vor Schreck angewurzelt bewegt sich die Kamera nur langsam umher und wie benommen schafft sie es kaum, den Bewegungen der nun einfallenden Familie zu folgen. Die dem Zuschauer so vorweggenommene Schockstarre wird schließlich abgelöst durch den Schrecken der Familie: Ein Knall, ein Schrei, man glaubt, Einbrecher gesehen zu haben, von denen sich aber keine Spur finden lässt. Zurück bleibt eine Verunsicherung bis ins Mark. Und die besteht nicht nur im Ferienhaus, auch in der Firma. Jan, der von Mark Waschke als jemand gespielt wird, der gerne den Eindruck machen würde, alles unter Kontrolle zu haben, hat sich für das gemeinsame Unternehmen auf eine Politkampagne eingelassen, von der Nina als Mitinhaberin nur zufällig erfährt. Sabine Timoteo spielt diese mit großartiger Intensität folgerichtig abgekämpft und abgespannt.

Nach dieser ersten halben Stunde scheint es, der Film habe seine Dramaturgie bereits verschenkt. Das Unheil hat sich schon in der ersten Sekunde angekündigt, die ersten Wortwechsel zeugen bereits von gegenseitiger Genervtheit und der Versuch, diesen desolaten Familienzustand mit politthrillerartigen Nachrichtenmeldungen aufs fragile Gesamtgesellschaftliche zu übertragen, wirkt arg holzschnittartig. Man ahnt und fürchtet Plattes, bis jene einzige Szene kommt, die Unbeschwertes zeigt: Die Familie tollend am Meer der belgischen Küstenstadt. Die Kinder lachen und die Eltern auch, beide sogar gleichzeitig.

Hier wird langsam deutlich, wie klug und konsequent der Film anders vorgeht als die meisten Familienverfallsfilme. Er zeigt nicht, wie schön es einmal war und wie es wäre, wäre das so geblieben. Im Gegensatz zur üblichen Erzählweise lässt er ein positives Was-Wäre-Wenn nicht einmal aufkommen. Stattdessen weiß man durch den schrecklichen Exklusivcharakter dieser einzigen glücklichen Szene, dass es für die Gegenwart und erst recht für die Zukunft dieser Familie keine Hoffnung gibt. Vielmehr fragt man sich, ob diese Familie überhaupt einmal glücklich war, sein konnte. Der Konjunktiv richtet sich also nicht auf die Zukunft, sondern – und das ist weit erschütternder – auf die Vergangenheit: Hätte überhaupt werden können und war einmal?

„Was hat euch bloß so ruiniert?“, möchte man jedem einzelnen zurufen und es gehört zum Monströsen dieses Films, darauf jede Antwort zu verweigern. Zwar nimmt er später die Perspektive der Einzelnen ein, wenn jener vermutete Einbruch ins Ferienhaus erneut in den Fokus rückt. Aber er macht sich keine dieser individuellen Perspektiven zu eigen, sondern bleibt stets bei der des Unheils, von Klemens Hufnagls virtuoser Kameraführung durch ein bedrohliches Hinter-den-Protagonisten-Herschleichen in Szene gesetzt. Man kann es als Schwäche auslegen, dass die Figuren bei diesen individuellen Erzählsträngen kaum an Tiefe gewinnen. Man kann es als Stärke auffassen, dass es bei der Ohnmacht der Feststellung bleibt: Jedes Familienmitglied ist auf seine eigene Weise unglücklich.

Neben dieser unerbittlichen Konsequenz ist das nun entstehende Erzählgeflecht die große Stärke des Films: Die aus jeder Perspektive erneut durchlebte Einbruchssituation lässt den Zuschauer auch an den bereits gesehen Perspektiven und damit am für wahr gehaltenen Geschehen zweifeln. Durch weitere zeitliche Verschachtelungen entsteht ein schwer entwirrbares Gesamtbild, das dem Zuschauer nimmt, was den Protagonisten längst verloren gegangen ist: Das Grundvertrauen und das Wissen darüber, was war.

Und so wird „Der menschliche Faktor“ doch noch zur Gesellschaftsparabel einer Zeit, in der nicht bloß die Meinung, sondern zunehmend auch die Wahrheit „der Anderen“ bezweifelt wird. In der nur das Beharren auf dem eigenen Standpunkt vermeintlichen Halt zu versprechen scheint, während wirkliche Orientierung längst verloren gegangen ist. Und in der der „Knacks“ schon da sein könnte.

Reviewed by: Christoph Weißermel