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Etwa ein Jahr ist es her, dass das Foto von Mark Zuckerberg auf der Samsung Pressekonferenz zu den Ocolus Rift-Brillen um die Welt ging und einen intensiven Diskurs um Virtual Reality-Brillen lostrat. Das Foto zeigt Zuckerberg wie er grinsend und vor allem unbemerkt an einer Horde nichtsahnender Journalisten vorbeiläuft, die in eine andere Realität vertieft sind, abgeschirmt von VR-Brillen und Kopfhörern. Nun ist der Tag gekommen, an dem ich selbst meine erste Virtual Reality-Experience mache. Ich bin der ganzen Sache aus einer technikkritischen Haltung heraus skeptisch gegenüber eingestellt. Hinzu kommt, dass David Cronenbergs eXistenZ für mich eine intensive und nachhaltige Filmerfahrung war, die mir nun in Anbetracht des anstehenden Tests nicht aus dem Kopf geht. Um dies verständlich zu machen zwei Dinge:

1. In eXistenZ wird eine revolutionäre Spielmethode getestet, bei der die Hardware ähnlich wie in MATRIX per Port an den Körper angeschlossen wird und der Spieler sich mittels dieses Port gefühlt vollkommen in eine andere Realität begibt. Dort hat er 360 Grad Rundumblick, kann sich bewegen, fühlen, Dinge anfassen und kommunizieren. Die Spielematrix mit ihren vielfältigen Handlungsoptionen und die eigentliche, echte Realität sind kaum voneinander zu unterscheiden, und das macht den Reiz und gleichzeitig die Gefahr aus.

2. Schaut eXistenZ!
Die VR-Erfahrung mache ich im Rahmen eines Filmfestivals – die kinematographische Perspektive ist also allgegenwärtig. Ich nehme bei einem Pressescreening im Rahmen des LICHTER Filmfest Frankfurt International Platz in einem Kinosaal, und zum ersten mal ist es irrelevant, inwiefern ich meinen Platz nach der Ausrichtung zur Leinwand wähle. Einzig der richtige Abstand zum Sitznachbarn zählt, damit man sich bei potenziellen Bewegungen nicht in die Quere kommt. Schon deshalb ist das Gefühl, das mich vereinnahmt surreal und aufregend. Werde ich so sehr in eine andere Welt versetzt, dass ich alles um mich herum vergesse?

Ähnlich wie im Film eXistenZ wird mir beim Test das Gefühl gegeben ich gehörte zu einem kleinen auserwählten Kreis. Ich werde begrüßt mit den Worten „Willkommen, Alpha-Tester“. Ich ziehe Brille und Kopfhörer auf, und es geht ohne weitere Erklärungen los. Ich bin Brille 243.

Film Nummer Eins, SIREN SONG, beginnt. Nachdem ich kurz die Gelegenheit hatte einen von Natur umgebenen Weiher von oben zu erkunden, tauche ich ab und schwimme mit Nixen durch eine Unterwasserwelt. Absolute Faszination ergreift mich. Ich spüre ein unaufhaltbares Grinsen in meinem Gesicht und höre staunende Ausrufe aus dem ganzen Raum. Ich bin glücklich. Schnell will ich mehr: wünsche mir laufen zu können und Dinge anzufassen. Und denke doch an eXistenZ.

Jeder der 5 Filme hat seinen eigenen Reiz und nutzt die Möglichkeiten der VR auf eigene Weise: Ich kann mich wie im Wasser an eigentlich unmögliche Orte begeben; bin das vermeintliche Monster unter dem Bett eines Kinderzimmers, in dem sich ganz nach TOY STORY-Manier in der Dunkelheit an unterschiedlichen Orten im Kinderzimmer Spielzeuge bewegen; nehme in einem Musikvideo mitten im Auto Platz und schaue außerdem eine Hommage an Lars von Triers DOGVILLE von dem Mittelpunkt der Bühne aus. Nicht alle Filme sind animiert, einer arbeitet mit realen Personen. Die Realität in der virtuellen Realität. Könnte ich nicht die Ausrichtung in meinem Kinosessel erfassen, ich hätte zwischendurch die Orientierung im Raum verloren. Weil meine Brille ausfällt, kann ich die anderen „Alpha-Tester_innen“ kurz beobachten. Sie verhalten sich wie neugierige Ornithologen in einem bisher nicht erkundeten Waldgebiet: sie schauen umher, drehen sich, verweilen bedächtig.

Nicht ohne Zwischenfälle geht das Screening zu Ende, die Technik ist noch nicht ausgereift. Der experimentelle Charakter der Situation macht sich vor allem daran bemerkbar, dass nicht jeder Film gleich so anläuft, wie von den Technikern vorgesehen. Dies erinnert mich an die Anfangszeiten des Films, als Projektoren streikten und Filmbänder rissen, und an die beginnende Digitalisierung, als der Beamer versagte und Screenings so unmöglich machte.Auf so vielen Ebenen lässt sich die VR im Kinokontext reflektieren. Wenn ich meine Fortschrittsängste beiseite schiebe, finde ich zwei Punkte besonders bemerkenswert:

Zum einen ist es für das Kinodispositiv grundlegend, dass ich aufgrund der nicht rückspulbaren Bilder das filmische Artefakt bei einmaliger Sichtung nicht einhundertprozentig erfassen kann, da meine Aufmerksamkeit nicht die gesamte Vorführungszeit über gleich hoch ist. Bei den VR-Filmen wird die zeitliche Komponente durch die räumliche ergänzt – ich kann bei einmaligem Screening nie den gesamten Raum erkunden, da ich nicht in alle Richtungen gleichzeitig schauen kann. Zum anderen ergeben sich neue inszenatorische Möglichkeiten, wie sie in der Filmgeschichte immer wieder gab: Durch die Handkamera konnte in DER WEISSE HAI erstmals die unmögliche, nichtmenschliche Betrachter_innenposition eingenommen werden, durch die Digitalisierung wurden in AVATAR die technischen Grenzen neu ausgelotet. Nun ergibt die VR eine komplett neue, voyeuristische Position im Raum, durch die die Betrachter_innen zu Teilnehmer_innen werden. Es scheint also, als reihe sich die VR-Erfahrung letztlich ein in die Tradition der filmischen Innovationen.

Ich versuche mich zu besinnen und fasse zusammen: Ich kann nicht leugnen, dass mich die Vielfalt der neuen Möglichkeiten, die technischen Anordnungen und die Emotionen, die mich überkommen, faszinieren. Gleichzeitig sehe ich das große Potenzial der VR darin, den Diskurs um die Fragen wo und wie Film stattfinden kann, zu befruchten.

Und doch finde ich es beruhigend, dass sich technische Komplikationen nicht leugnen lassen und die Zukunft 3.0 noch ein wenig auf sich warten lässt, in einer Welt, in der sich Wandel so schnell vollzieht, Zerstreuung allgegenwärtig ist und die sinnlichen Umwelteinflüsse unsere Aufnahmekapazitäten schon lange übersteigen. Ich bin noch nicht bereit dazu, meine Realität nicht vom Virtuellen unterscheiden zu können.

Von Julia Pirzer

Das LICHTER Filmfest Frankfurt International präsentiert in diesem Jahr erstmals ein innovatives Virtual Reality-Programm mit brandneuen 360° Filmen. Alle Infos und Links zu Terminen und Kartenkauf findet man: Hier.