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Das finale Erwachen findet im Turmzimmer statt. Hier, oberhalb von den Widrigkeiten der sozialen Welt, werden im Märchen Prinzessinnen wachgeküsst oder aus der Gefangenschaft befreit. Aber es geht auch drastischer: Dem zwölfjährigen Jonas fährt der Schrecken ins Mark, als er in den Tagebüchern, die seine Mutter in ihrer geheimen Dachkammer aufbewahrt, fürchterliche Fratzen und erschütternde Einblicke in ihr Seelenleben vorfindet. Zwar weiß er von ihren inneren „Dämonen“, vor denen sie einige Zeit zuvor ins sagenumwobene Sonnental geflohen ist. Doch erst hier und jetzt erkennt Jonas, wie ernst alles ist. Denn „Sonnenthal“, verrät ihm ein Schreiben in den Unterlagen der Mutter, ist eine Nervenheilanstalt.

Drei Kinder – Jonas, Nick und Miechen – und Eltern, die ihnen nicht gewachsen sind: Mara Eibl-Eibesfeldts Debütfilm IM SPINNWEBHAUS gibt sich viel Mühe, den Umstand, dass eine überforderte Mutter sich aus dem Staub macht und ihre Kinder wochenlang sich selbst überlässt, mit Schwarzweißbildern und Orchestermusik als abenteuerliches Märchen zu verpacken, in welchem die Fantasie der Geschädigten den Horror ihres Alltags überflügelt. Kaum haben wir anfangs die Borderline-Tendenzen der Mutter ausgemacht, treibt die Fantasie der Kinder Blüten. Miechen, die Jüngste, spinnt sich aus großen und kleinen Tieren die Sagenwelt Bakatalakaland zusammen, wo Raben „Seelenvögel“ heißen und ramschige Tigerpuppen vom Jahrmarkt ihr knuddelige Gefolgschaft leisten. Je länger die Mutter fortbleibt – Tage, Wochen, gar Monate? –, desto mehr Käfer und andere Insekten ziehen ins Haus der Kinder ein und schmücken solche Träume aus. Gigantische Spinnweben an der Zimmerdecke sind Zeichen ihrer Verwahrlosung, aber auch Sinnbild der verwirklichten Idylle.

Man muss sich die Situation ohne Eltern eben so gut einrichten, wie es geht. Jonas, sobald er als Ältester die häusliche Verantwortung übernommen hat, erlebt den Alltag als Strohwaise wie eine Coming-of-Age-Challenge. Bei Tag trägt er Sorge, dass die Schwester aus dem Kindergarten abgeholt wird und der Bruder seine Ritalindosis schluckt, des Nachts streunt er mit einem Vagabunden umher, der sich Graf Felix nennt und für sich und den Jungen White Russians zubereitet. Milch, die „Mutter des Lebens“, braucht einen Schuss Schnaps, um als „Elixier des Lebens“ zu dienen, philosophiert Graf Felix. Mit dem ersten Schluck dieses Gesöffs beginnt für Jonas der Aufbruch ins Erwachsenenleben und damit die emotionale Distanzierung von seiner Mutter, die später, im Turmzimmer, ihren letzten Akt durchläuft.

Bei alldem kann das Märchen nicht verschleiern, dass es seinen – erwachsenen – Zuschauern nichts mit auf den Weg zu geben hat, was Sinnsprüche aus der Schublade „Kleiner Prinz“ übersteigt (Felix: „Ich habe dich gefunden, also muss ich mich auch um dich kümmern“). Der Film nimmt überhaupt sein Märchenthema nicht ernst genug, um innerhalb der anderthalb Stunden Erzählzeit ein paar radikale Wendungen zu wagen. Das Eingreifen der Erwachsenen etwa: Rechtfertigt die realistische Idee, dass Nachbarn und Lehrer trotz der zunehmenden Verwahrlosung von Kindern nur in den seltensten Fällen einschreiten, sich immer und immer wieder von Ausreden abwimmeln lassen, die dramaturgische Stagnation dieses Films? Dazu müssten seine Schauwerte ausreichen. Es gibt immer wieder Momente, in denen die Kinder so stark und natürlich sind, dass die Illusion, in ihre Fantasiewelt geschlüpft zu sein, funktioniert. Wenn nur die gestelzten Dialoge nicht wären (Jonas: „Die Mama ist krank, aber das sagte ich schon, oder?“) – stattdessen mehr improvisiert worden wäre! Dann würde der Sozialdokumentarstil, den dieser Film mit Kameramann Jürgen Jürges geradezu programmatisch auf den Spuren von Fassbinder und Schlöndorff weiterführen will, plausibler wirken. Leider zerbricht er an der zugunsten des vorgeschobenen Märchens krampfhaften Verkleidetheit aller Menschen und Räume. Märchen mögen dazu dienen, gesellschaftliche Statements abzugeben, aber dass sie selbst sozialrealistisch sein können, ist eine grundfalsche Idee.

Den deutlichsten Beleg dafür liefert die Schlussszene des Films. Sie erinnert uns an eine frühere Graf-Felix-Weisheit, die den Kern jedes Märchens zusammenfasst. „Für jedes Abenteuer gibt’s zwei Enden“, sagt Felix da zu Jonas. „Hast du Angst, wird sich’s zum Schlechten wenden. Doch hast du Mut, wird’s gut.“ Es ist insofern nur konsequent, dass die Mutter am Ende scheinbar geheilt aus der Klinik heimkehrt. Jonas’ Mut hat sich bewährt. Der Film selbst wäre mutiger gewesen, hätte er eingestanden, dass die Dämonen manchmal stärker sind als ihre Opfer. Aber dazu hätte er letztlich doch sein Format sprengen müssen.

Jonathan Horstmann