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Über 7000 km liegen zwischen Mannheim und Accra, der Hauptstadt Ghanas, nahe welcher der Protagonist Kojo (Eugene Boateng) in York-Fabian Raabes Film „Borga“ (2021) in ärmlichen Verhältnissen mit seinen Eltern und seinem Bruder Kofi im Umfeld einer Elektromüllhalde aufwächst. Die Stadt in der Rhein-Neckar-Region soll im Laufe des Films zum Ziel des jungen Kojo werden, welcher sich zwischen der strengen Erziehung seines Vaters und der Kriminalität im Viertel ein erfolgreiches Leben in Deutschland erhofft. Ein Film über Vorstellungen und Träume im Zusammenprall mit der Realität.

Kojo widersetzt sich schon in seiner Kindheit dem Willen seines Vaters, er möchte die Umstände seines Umfelds für sich nicht akzeptieren und dem Leben, welches von extremer körperlicher Arbeit und Armut gezeichnet ist, entfliehen. In jungen Jahren begegnet er durch Zufall einem schick gekleideten Mann auf einer Feier. „Der ist ein Borga. Der hat mehr Geld als Dr. Dre“, deutet Kojos Freund Nabil daraufhin an. Kojos einzige Frage an den Mann, welcher als Borga bezeichnet wird – was so viel bedeutet wie: der reiche Onkel aus dem Ausland –, ist: „Wie kann ich so werden wie Sie?“. Diese Begegnung bewegt den jungen Ghanaer nachhaltig.

Das Blatt wendet sich, nachdem Kojo nach einigen Jahren in einem Leben, welches mehr oder weniger den Vorstellungen seines Vaters entspricht, von Nabil ein Angebot bekommt. Dieser erzählt ihm von seinem Onkel Ebo, welcher ein von Erfolg gekröntes Leben in Deutschland führe. Nabil strebt die Reise nach Deutschland an, um Ebos Weg zu folgen, und möchte Kojo als Weggefährten mitnehmen. Ohne Abschied verlässt Kojosein Heimatdorf, um seine Träume vom Erfolg zu verwirklichen, jedoch sieht die Realität ganz anders aus. Nabil lässt auf der Reise sein Leben und der reiche Onkel Ebo entpuppt sich als Schwindler, wodurch Kojo auf den Straßen Mannheims landet. Ihm ergibt sich die Möglichkeit auf einen Platz im Geschäft seines Landsmannes Bo, welcher ihm gegen einen Schlafplatz und Mahlzeiten in seinem Schrotthandel mitarbeiten lässt.

Obwohl Kojo immer härter kämpft, um sich hochzuarbeiten, sinkt er tiefer und tiefer in illegale Geschäfte und ein Doppelleben zwischen Sein und Schein hinein. Szenen, die von amerikanischer Rapmusik untermalt sind, zeigen Kojo im Anzug in seiner Rolle als erfolgreicher Geschäftsmann, begleitet von Hoffnung und Euphorie. Bei seiner Rückkehr in die Heimat wechselt diese zu traditioneller ghanaischer Musik, und Kojo wird erneut den Umständen dort gegenübergestellt. Als Zuschauer:innen werden wir währenddessen mit dem Potential und der gleichzeitigen Chancenlosigkeit Kojos konfrontiert. Das Motiv des Borga spielt dabei eine zentrale Rolle, stellvertretend für die Sehnsucht von Migranten nach dem chancenreichen Neuland. Immer wieder wechseln die filmischen Bilder zwischen Szenen aus Mannheim und den damit zusammenhängenden Szenen aus Ghana. So verdeutlicht sich die Zerrissenheit Kojos inmitten zweier Welten, welche durch die daraus entstehende Spannung zum Maximum getrieben wird. Die turbulente Immigrationsgeschichte eines Individuums, die in der Realität derart jedoch weit verbreitet ist. Der Blick der Zuschauer:innen kann durch diese emotionalen Bilder und Einblicke geweitet werden. Was wissen wir tatsächlich über die Geschichte von Immigrant:innen?

Eine Achterbahn der Gefühle, bei der man mit dem Protagonisten in einem Moment innerlich mit hoffen, mitfeiern möchte und ihn im nächsten vor den Auswirkungen seiner Taten bewahren will. Die Authentizität der Story wird durch den Sprachwechsel zwischen Deutsch, Englisch und der ghanaischen Sprache noch verstärkt. Faszinierend ist zudem der erfahrene Umgang des Regisseurs mit dem afrikanischen Umfeld, den Umständen und der Kultur. Ein deutsch-ghanaisches Filmdrama über das Streben nach Anerkennung und die vermeintlichen Opfer, die dies mit sich bringen mag. Thematiken, mit denen wir uns in verschiedensten Lebensbereichen identifizieren können, treffen hier auf die persönliche Geschichte Kojos. Nahbare Eindrücke entstehen durch vielseitige Bilder der Städte Accra und Mannheim, welche in ihrer Lebensqualität gar nicht so unterschiedlich zu sein scheinen, sobald man die Chance hat, die Situation von dem passenden Standpunkt aus zu beobachten.

Reviewed by: Lucia Sussner