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Maxime sitzt allein in einem verdunkelten Zimmer und spielt melancholische Akkorde auf seiner E-Gitarre. Höchstwahrscheinlich ist es lang nach Mitternacht. Seine langen Haare umranden verworren sein unrasiertes Gesicht und verdecken nur notdürftig eine kahl werdende Stelle auf seinem Hinterkopf. Am nächsten Morgen weckt ihn sein Vater. Maxime liegt noch verschlafen in seinem Bett.

Verschlafen ist auch Tonnerre, der Schauplatz des ersten Spielfilms von Guillaume Brac. Die kleine Gemeinde im Norden der Bourgogne ist ebenfalls der Titel der dramatischen Komödie, die hier ihren Lauf nimmt, indem Mélodie, eine junge Journalistin, in Maximes Leben tritt.

Mélodies Erscheinung ist der Inbegriff der Unschuld. Ihre Augen sind wach und neugierig, ihre Lippen stets tief rosa. Ihre Natürlichkeit springt ins Auge, so wird sie auch direkt, so wie es die französische Kleinstadt-Manier eben ist, darauf angesprochen, als sie mit Maxime ein Weingut besucht. Mélodie spricht von ihrer Angst nie das tun zu können, was sie liebt, weil sie zu große Angst hat zu versagen.

Nach einem Interview, das sie mit Maxime führt, treffen sich die beiden schon bald wieder und verlieben sich auf stereotypisch „französische“ Art, nämlich schnell und heftig. Nachdem Mélodie sich nach ihrer kurzen, intensiven Affäre wortlos von Maxime abwendet, und sich wieder mit ihrem Ex-Freund, dem Fußballspieler Ivan, versöhnt, erwächst aus Maximes Schmerz ein Geflecht aus Mordgedanken und Verzweiflungstaten.

Die unmittelbare Nähe, die sich schnell zwischen Mélodie und Maxime entwickelt, schlägt schnell um in eine immer größer werdende Distanz. Vermittler aller Art sind für Maxime nicht ausreichend, um Mélodie wieder nahe zu kommen. Sein Iphone piept nicht mehr. Der Platzwart am Rande des Fußballfelds, wo Ivan sich gerade warmläuft, überbringt Maxime abgeklärt die erschütternde Nachricht, Mélodie würde behaupten ihn nicht zu kennen. Er beobachtet sie nur noch aus der Ferne. Durch die Fensterscheiben eines Restaurants. Sie wird zum unerreichbaren Ideal.

Mélodies Angst vor dem Tun, vor dem sie selbst Werden, macht sie zu einer ewigen Möglichkeit, zu verschlossenem Potential, das Maxime wieder gewaltsam an sich reißt, sobald es ihm abhanden kommt.

Bracs Debütfilm reüssiert vor allem darin Leere darzustellen. Leere, die entsteht durch die Kluft zwischen Erfolg und Stillstand. Maxime, der eigentlich erfolgreicher Musiker aus Paris ist, befindet sich in einem permanenten Schwebezustand im Haus seines Vaters, in der Stadt seiner Vergangenheit. Was wie ein Zwischenstop wirkt, droht langfristige Realität zu werden. So wird seine Beziehung zu Mélodie zur Projektionsfläche, die ihm, wenn auch nur für kurze Zeit, eine neuerlebte Jugend, neues Potential suggeriert. Selbst der Schmerz, den Mélodie verursacht wirkt jugendlich. Eine zweite Pubertät, die jedoch all das wahr werden lässt, was Teenager sich auf pathetische Art und Weise beschwören. Liebe auf Leben und Tod. Vollständiger Besitz der anderen Person. Einsamkeit zu zweit.

Der minimalistische Soundtrack und die häufig eingeschobenen Aufnahmen der traumähnlichen Atmosphäre des beschaulichen Tonnerre unterstreichen die bedrückende Leere, die auf den ProtagonistInnen lastet.

Und letztendlich sitzt Maxime wieder mit seiner Gitarre im Haus seines Vaters und spielt Lieder aus längst vergangenen Tagen. Doch diesmal findet er Unterstützung. Mit starken Akzent und von Champagner beschwingt singt sein Vater die Zeilen nach und füllt für einen Moment die Leere, die wirklich wichtig ist. Nämlich die zwischen Vater und Sohn.