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Corpus Christi widmet sich der Geschichte eines jungen Gläubigen, der trotz äußerer Widrigkeiten seiner Bestimmung nachgeht. Eine Filmkritik aus christlicher Perspektive.

Daniel sitzt im Gefängnis. Gewalt, Ausgrenzung und Fremdbestimmung den Alltag.

Der junge Protagonist hat hier zum Glauben gefunden. Jedoch hat er keine Chance, als Vorbestrafter in ein Priesterseminar aufgenommen zu werden.

Zu Beginn des Films wird Daniel auf Bewährung entlassen. Die erste Nacht in der Freiheit wird ordentlich gefeiert: Kokain, Alkohol und Sex stehen auf dem Programm. Seinem Pfarrer im Gefängnis hatte er jedoch versprochen, am nächsten Morgen nüchtern bei seinem Job im Sägewerk anzukommen. Bevor er dorthin geht, besucht er die örtliche Kirche. Er behauptet, er sei gelehrter Priester und unversehens wird aus der Anmaßung auch gleich Ernst: Der Pfarrer muss wegen Alkoholmissbrauch ins Krankenhaus. Daniel vertritt ihn bei der Beichte (wofür er noch kurz ein paar Tipps googelt) und leitet die Messe. Schon bald wird er mit dem Schicksal des kleinen Dorfes konfrontiert. Bei einem Autounfall kamen sechs Jugendliche und ein Erwachsener ums Leben.

Die Eltern der Opfer tun sich schwer mit ihrer Trauer. Sie beschuldigen die Witwe des erwachsenen Fahrers für ihr Leid. Der Unglückslenker wurde immer noch nicht in dem Dorf bestattet. Daniels unkonventionelle Seelsorgearbeit soll helfen, den Verlust der Jugendlichen zu verarbeiten und einen Sinn für Vergebung und Gemeinschaft zu schaffen.

Daniel trifft auf eine Welt, in der alle Gewissheiten brüchig werden, in der Menschen verzweifelt sind und keine Hoffnung in Sicht ist. In solchen Momenten kann es schwierig sein, an einen Gott zu glauben: Wie kann er zulassen, dass sieben Menschen sterben? Warum trifft es ausgerechnet diese Gruppe? Was haben sie getan, um dieses Leid zu verdienen?

Das Wichtigste ist, niemals den Glauben zu verlieren.“, ist leichter gesagt als getan. Doch genau in solchen Zeiten ist die Lösung, in der Beziehung zu Gott zu bleiben. Seine Skepsis zu offenbaren und sich mit ihm zu streiten, tröstet. Daniel scheut nicht davor zurück: Er richtet sich im Gebet an Gott und drückt die Zweifel der Gruppe aus. Er verstehe nicht, warum die Opfer und ihre Angehörigen so viel Leid erfahren müssen.

Im Alten Testament bleibt Hiob auch in der Beziehung zu Gott: Er ist frommer Gläubiger und trotzdem stößt ihm großes Leid zu. Anstatt sich von Gott abzuwenden, kommt es zu einer Anklage. Durch diesen Rechtsstreit erfährt Hiob Trost: Gott verweist auf die Schöpfung, die im Judentum eine essentielle Bedeutung hat: Trost, Neuanfang und Hoffnung. Hiob bricht nicht aus der Beziehung aus, sondern glaubt weiterhin an die Existenz Gottes. Und Gott ist auch in der Beziehung geblieben.

Gleichzeitig hat die Gruppe der Angehörigen Schwierigkeiten, zu vergeben. Irgendjemanden muss man ja beschuldigen: Gott kommt für die frommen Katholiken nicht in Frage, den Schuldigen des Unfalls kann man nicht mehr anschreien, da bleibt nur seine Witwe. Sie hätte ihn an dem Abend nicht aus dem Haus lassen sollen. Hassbriefe, Beleidigungen und Ausgrenzung dienen als Ausdruck für Verzweiflung.

Vergeben heißt Lieben“, heißt es in einer von Daniels Predigten. Egal wen, auch trotz ihrer Schuld. Aber erst die totale Umkehr ermöglicht totale Vergebung.

Corpus Christi zeichnet mit der Figur des Daniels eine Parallele zu Jesus und widmet sich der zentralen Aussage der Botschaft Jesu: der Verkündung des Reich Gottes.Eins sein mit Gott, eins sein mit dem Nächsten und eins sein mit mir selbst. Dieses Schalom ist das Reich Gottes. Wenn ich mich auf die Beziehung zu Gott einlasse und aus der Gemeinschaft heraus lebe, geschieht die „totale Umkehr“: Ich lasse mich vom Geist der göttlichen Liebe erfüllen und handele daraus. Es geschieht eine Veränderung, die meine komplette Lebenswirklichkeit umstellt und mich existentiell berührt. Glaube bezeichnet dieses Vertrauen, von dem das ganze menschliche Leben bestimmt wird.

Wenn diese totale Umkehr geschehen ist, lebe und handle ich aus der Gemeinschaft heraus. Und genau diese Gemeinschaft, das Einssein mit dem Nächsten, ermöglicht die Vergebung. Daniel sucht diese Gemeinschaft aktiv und führt sie zusammen: Die Betroffenen werden durch die Seelsorgearbeit wieder zu einer kleinen Gemeinschaft. Er bemüht sich auch, die Witwe wieder in die Gesellschaft einzugliedern – und setzt sich für die Bestattung des Autofahrers ein. So versucht er, den Anfang einer Gemeinde zu schaffen.

Seine tiefen Augenringe und sein mageres Gesicht verraten, dass er bereits einiges hinter sich hat. Er sieht abschreckend aus und sein Charakter wirkt doch zugänglich und sympathisch. Daniels charismatisches Talent äußert sich in seiner leidenschaftlichen Art, das Wort Gottes zu verbreiten. Sowohl mit den Familien der Opfer als auch den gleichaltrigen Bekannten der verstorbenen Jugendlichen stiftet er neue Gemeinschaften.

In seiner ersten Messe wiederholt er nur den Inhalt des letzten Gottesdienstes aus dem Gefängnis. Doch kurzerhand findet er auch einen persönlichen Ausdruck für seinen Glauben. Wenn ein kleines Baby im Gottesdienst lacht, erklärt er anhand dessen das Reich Gottes. Es besteht in den kleinen, unscheinbaren Dingen im Leben und ist im Hier und Jetzt. Man muss nur die Augen aufmachen. Voller Lebensfreude lässt sich Daniel von dem Lachen des Kindes anstecken und wirft euphorisch Weihwasser in die Menge und auf sich. Die Messe entwickelt sich von einem uninspirierten Ritual zu einer Feier des Lebens.

Jan Komasa dokumentiert in seinem Oscar-nominierten Drama eine Glaubensgeschichte. Die intensive Darstellung ist mitreißend und inspirierend. Der Film setzt sich mit allgegenwärtigen Themen auseinander: Schuld, Erpressung, Korruption, Machtgier und (emotionale) Gewalt. Diese Probleme scheinen im Dorf häufiger vorzukommen als im Knast. Einen Moment lang scheint es so, als würde alles wieder gut. Doch die Realität des Möglichen holt diese Hoffnung wieder ein.

Mit großer schauspielerischer Begabung zeigt Bartosz Bielenia in der Hauptrolle den inneren Konflikt, der Daniel quält. Streng betrachtet sollte Daniel sich nicht für einen Priester ausgeben, er verstößt gegen eines der zehn Gebote. Doch eine Lüge ist es nicht wirklich. In der letzten Messe im Gefängnis segnet der Pfarrer die Insassen: „Ihr seid alle Priester Jesu Christi.“