Why_so_sirius
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[1]  Einfach mal die Regeln brechen

Ein Ehepaar und eine junge Frau sind in ihren Autos in entgegengesetzter Richtung auf einer einsamen Landstraße unterwegs. Am Ende fährt keiner der Wagen mehr und zwei von den Menschen sind tot. „Was ist das für eine Straße?“ fragt sich auch die Ehefrau. Eine, auf der ganz klar ein Fluch lastet. Was sich nach einem Horrorfilm anhört, entfaltet sich in WHY SO SIRIUS? zu einer rabenschwarzen Komödie. Es ist schon frech, wie beiläufig hier Menschen umkommen, welche Nebensächlichkeit hier Gewalt ist. Aber genau diese Frechheit und diese Pietätlosigkeit sind es, die die Lacher aus dem Publikum herauskitzeln.
Regisseur Karel Šindelář findet in der Verwirrung der Charaktere und in ihrer Unbeholfenheit im Miteinander sehr menschliche Momente, bei denen man nicht umhinkann, mit den beiden Frauen mitzufühlen. Doch in den skurrilen, aberwitzigen Taktlosigkeiten seiner Charaktere findet er auch immer wieder Momente, bei denen man nicht umhinkann laut zu lachen. Gesellschaftskritik liegt da sicher drin – das reiche, schicke, aber verhärmte Ehepaar gegen die arme, chaotische, aber enthusiastische junge Frau. Vor allem ist WHY SO SIRIUS? eine Herausforderung: Warum das alles ernst nehmen? Das Leben ist zu schnell vorbei, um sich an die Regeln zu halten. Deutlicher wird diese Aussage nie, als wenn das Blut des Ehemanns dickflüssig schmierig über der fröhlich-nerdigen Aufschrift „Why So Sirius?“ auf dem Bus der jungen Frau fließt.
Noch pointierter hätte der Film allerdings sein können, wenn er ein paar Minuten kürzer gewesen wäre.

Franziska Pohl

 

[2]  Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs

Viel interessanter als die Frage, ob die verspielten Lettern WHY SO SIRIUS auf der versehentlich zum tödlichen Verhängnis gewordenen Motorhaube eines Hippie-Mobils sich jetzt eigentlich auf den Stern, das Harry Potter-Verse oder Heath Ledgers ikonische Reinkarnation eines Batman-Schurken beziehen, ist doch eigentlich, es wörtlich zu nehmen: Warum sollte denn osteuropäisches Festivalkino eigentlich immer ernst, politisch und bedeutungsschwer sein? Ich möchte an gegebener Stelle in einem sozial akzeptablen Rahmen auch einfach mal in politisch unkorrekter Weise atemlos überrumpelt lachen dürfen, wenn in einer köstlich beiläufig inszenierten Szene in üppigem Cinemascope-Format der schlechtgelaunte, bildungsbürgerliche Ehemann vom Hippiebus umgenietet wird, während er auf einer gottverlassenen Pampa-Straße versucht, einen Abschleppwagen für das liegengebliebene Auto zu rufen. Die hochgradig gelangweilte, aber wenigstens stylisch gekleidete Ehefrau bekommt von dem Zusammenprall am Rande ihres Blickfelds durch die Windschutzscheibe erstmal nicht viel mit, hat sie sich doch mit säuselnder Meditationsanleitung im Ohr der Situation erstmal entzogen. Moment mal: War da was? Was folgt sind unbequeme Realisationen und viel leise, schwarze Situationskomik, als die chaotische Fahrerin des Mordinstruments auf die respektable Neu-Witwe trifft. Die Verbindung zwischen den zwei namenlosen Frauen wird dem findigen Zuschauer natürlich vorab klar gemacht, indem beide sich kurz vor dem Crash in einer Parallelmontage dem stereotyp weiblichen Akts des Lippenstiftnachziehens widmen und dabei noch – zugegebenermaßen wenig subtil – denselben Farbton verwenden.
Gegensätzliche Frauen in einer Extremsituation, ein meist dankbares aber auch klischeebeladenes Konzept. Da werden repräsentative Fassaden über Bord geworfen, die High Heels liegen neben den asphaltgeschwärzten Füßen in einem Friedhof der Zigarettenstummel auf der Straße, ein merlotfarbener, dicker Streifen ziert dank des schlecht getimten Zusammenpralls das Gesicht der Fahrerin wie eine ungeschickte Kriegsbemalung. Der gelegentliche Zwischenschnitt erinnert: Ach ja, da liegt ja immer noch einToter rum.
Der überfordert-sympathische weibliche Freigeist war eigentlich auf dem Weg zu einem Live-Action-Roleplay, inklusive passendem Schwert. Das im zunächst unschuldigen Als-ob-Duell der beiden Damen zwecks mangelndem Handyempfang und Bedürfnis nach Unterhaltung zur Prügelwaffe gegen die Besitzerin wird, und die unfreiwillige Witwe erwehrt sich spielerisch der genretypischen Erwartungshaltung: Dachtest du jetzt ernsthaft, wir werden nur wegen der absurden Situation beste Freundinnen? Doch im nächsten Moment wird die Unfallfahrerin passenderweise durch den heranrasenden Abschleppwagen schlicht aus der Gleichung entfernt. Zurück bleibt eine desolate Überlebende, zwei kaputte Fahrzeuge, zwei Tote und ein bitteres Schlamassel… alles muss frau selber machen.

Bilquis Manias

 

WHY SO SIRIUS?
Karel Šindelář
Tschechische Republik 2018
15 Min

WHY SO SIRIUS? ist Teil des Programms des RHEINMAIN KURZFILMPREIS des 19. goEast Filmfestival des mittel- und osteuropäischen Films.

Letzte Termine:
Sonntag, 14.04.2019, 14:00 Uhr, Festivalzentrum