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Die kleine Janna lacht frech in die Kamera, doch dann erzählt sie von ihrer größten Angst: Der Dunkelheit. Frauke, ihre Tante, sei allein durch den Wald gegangen, jetzt sei sie tot. Archivmaterial von Frauke zeigt sie nackt vor einer Hütte, sie spielt mit einer Katze, der Sonnenschein bricht durch die Bäume. Das Märchenhafte, Gespenstische und Vergangene lässt einen erschaudern.

Das Dokumentarfilmdebut von Janna Ji Wonders beginnt und endet mit der Kindheit der Regisseurin am beschaulichen Walchensee in Bayern, wo ihre Familie seit mehreren Generationen ein Café betreibt. Mit dem Film durchleben wir, so wie die Regisseurin selbst, eine Reise. Dabei handelt es sich nicht nur um die Reise des Lebens, des Aufwachsens und letztlich des Erwachsenwerdens, sondern auch um eine Reise in die Geschichten und Beziehungen der Frauen in ihrer Familie. Geschichten, die sich wie Matroschkas ineinanderfügen.

Insgesamt lernen wir fünf Generationen kennen. Das Material an Fotos, Zeichnungen, Videos und Briefen setzt sich collagenartig über Jahrzente zu einem Gesamtwerk zusammen, das die persönlichen Schicksale, Ängste, Wünsche und Hoffnungen der Frauen spürbar werden lässt. Am Ende des Films verstehen wir, was unausweichlich ist: Wir sind durchzogen von der Geschichte unserer Familie, vom Schmerz, aber auch von der Liebe. Daher ist die Suche nach uns selbst immer auch die Suche nach dem, was unsere Vorfahren prägte.

Die Lebensgeschichte des Opas von Janna, der, ebenso wie ihre Mutter, Fotograf war, wird mit „Es war einmal…“ eingeleitet. Diese Märchenästhetik ist jedoch nicht mit Kitsch behaftet, denn die düsteren Seiten ungeschönter Märchen sind allzeit präsent und damit die adoleszenten Ängste, derer sich auch Märchen bedienen. Die Archivaufnahmen setzen damit dem Provinziellen der Region um den Walchensee etwas Mondänes entgegen, ein Kontrast, der den Kern-Konflikt der Figuren, die der Film porträtiert, bildet: Das Eingesperrtsein, der Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit, aber auch die Suche nach Geborgenheit, Struktur und Halt, die die Frauen der Familie miteinander verbindet. Dabei zeigt der Film auch die Gefahren dieser Suche, das sich Verlieren im Symbolischen, die fanatische Vorstellung des absoluten Glücks und die Angst davor, nie frei genug zu sein.

Der intensiven Lebensgeschichte von Jannas Mutter Anna wird viel Raum gegeben. Sie und ihre Schwester Frauke waren in den 70er Jahren als Musikerinnen durch die USA und Mexiko gereist. Plötzlich konnten sie neue Welten erkunden und fremde Kulturen kennenlernen, mit Drogen experimentieren und sich selbst neu kennenlernen.
Die Geschichten werden dabei nicht nur durch die Erzählung der Handlung lebendig gemacht, denn die Kamera schafft es, den feinen Nuancen Raum zu geben und transportiert Gefühle, die gerade aufgrund ihrer Ambivalenz und Vielschichtigkeit besonders nahe gehen und uns wirklich verstehen lassen, was die einzelnen Figuren antrieb.

Am Ende sehen wir, dass jede Generation ihre eigenen Wege geht, auf ihre Weise mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten lebt und die Erfahrungen weiterträgt. Doch obwohl jede Frau ihre individuelle Reise unternommen hat, endet diese dort, wo sie zuvor begann: Bei der Familie.

Oma Normas kleine Füße in den übergroßen Schlappen hängen nur knapp über dem Boden und wippen hin und her: Bei diesem Bild kann man sich nicht wehren vor der Kindlichkeit, die die 104 Jahre alte Frau nun wieder ausstrahlt.

Reviewed by: Pauline Klink