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Dass das indische Kino weitaus mehr als farbenfrohe Tanzeinlagen und Bollywood-Gesang zu bieten hat, zeigt uns der aufstrebende Regisseur Neeraj Ghaywan mit seinem Debütfilm MASAAN.

Bei der Erstaufführung auf dem Filmfest in Cannes wurde das Drama von der Kritikergarde frenetisch aufgenommen und ernetete fünfminütige Standing Ovations. Auch bei seiner Deutschlandpremiere auf dem 9. LICHTER Filmfest 2016 wusste das Werk zu gefallen. Umso erstaunlicher, dass Neeraj Ghaywan keinerlei praktische filmische Ausbildung genoss und seine Karriere – die folgende Information liegt dem Verfasser dieser Zeilen besonders am Herzen – mit dem Schreiben von Filmkritiken begann.

Erstaunlich auch, da MASAAN sich auf den ersten Blick doch um das altbekannte, klassische Sujet des Bollywood-Kinos dreht: die Liebe. Auffällig ist zunächst die episodenartige Erzählweise: Wir verfolgen zwei voneinander unabhängige Erzählstränge im nordindischen Varanasi, der heiligsten Stadt des Hinduismus.
Die Studentin Devi (Richa Chadda) vergnügt sich gerade in einem Hotelzimmer mit ihrem Kommilitonen Piyush, als sie die Polizei in flagranti erwischt. Piyush sieht keinen anderen Ausweg, als sich kurzerhand das Leben zu nehmen. Zusätzlich zu der Trauer über den Suizid ihres Liebhabers belastet Devi aber noch etwas: Die korrupten Polizeibeamten erpressen sie mit dem gerade aufgenommenen Sex-Video.
Die zweite Erzählung handelt von Deepak (Vicky Kaushal), dessen Familie in den berühmten Verbrennungs-Ghats von Varanasi arbeitet. Als Deepak mit Shaalu (Shweta Tripathi), einer jungen Studentin mit Hang zu Hindi-Poesie, zusammenkommt, scheint das frische Liebesglück perfekt: „You pass like a train, and I shiver like a bridge, there is a forest in your eyes, in which I forget my path.“ Bis Deepak ihr seine wahre Herkunft eröffnet: Er stammt aus einer niederen Kaste als sie.

Verwoben sind all diese Einblicke in die indische Gesellschaft durch den omnipräsent in Szene gesetzten Lebensquell der Hindus: Den Fluss Ganges. An seinem Ufer finden sich Tradition und Moderne zusammen, kreuzen sich Geschichten von Liebe, Verlust, Tradition, Hoffnung und Aufbruch im Spannungsfeld zwischen junger und alter Generation.
Ähnlich wechselhaft wie der unterhalb der Ghats mäandernde Ganges verlaufen auch die Leben unserer Protagonisten: Shaalu versichert Deepak, dass sie notfalls auch gegen das Einverständnis ihrer Eltern zu ihm hält – bis sie auf einer Pilgerfahrt verunglückt, und Deepak höchstpersönlich ihren leblosen Körper einäschern muss. Ihren Goldring wirft er in den Fluss, wo er von einem der Kinder, die auf dem Grund des Ganges nach Goldmünzen tauchen – die traditionelle indische Version des Glücksspiels -, gefunden wird. Der Fluss wird hier vielseitig und doch bestimmt in seiner erzählerischen Funktion als Kreuzungspunkt, wie auch als Anfangs- und Endpunkt von Leben und unterschiedlichsten Erzählungen gezeigt.

Regisseur Neeraj Ghaywan schafft es davon ausgehend ein buntes Panoptikum des Straßenlebens in Varanasi zu porträtieren, ohne dabei das große Ganze der indischen Gesellschaft aus dem Blick zu verlieren. Die symmetrische Kadrage der Kamera lässt in ihren besten Momenten Erinnerungen an den Stil Wes Andersons aufkommen.
Sie zeigt MASAAN nicht nur als Drama in Form eines Episodenfilm, sondern auch und vor allem als Porträt einer Stadt und eines bestimmten Lebensgefühls: Das einer jungen Generation, welche im Widerspruch zu strengen Kastensystem und Traditionsbewusstsein steht.

Anderson scheint nicht die einzige Muse für den indischen Erstlings-Regisseur gewesen zu sein: Die emotionale Intensität einiger Szenen wirkt in ihrer virtuosen Verknüpfung mit anderen Erzählsträngen ähnlich stark wie im Film BABEL des Oscar-prämierten Regisseurs Alejandro González Iñárritu. So wie die global gestrickten Narrationsstränge in Marokko, Tokio und Amerika dort gegen Ende zusammenlaufen, verbinden sich auch in MASAAN mit den Geschichten von Devi und Deepak am Ufer des Ganges, Anfangs- und Endpunkt des Lebens.
Und wenn man den beiden vom Schicksal betrogenen Protagonisten dann dabe zusieht, wie sie schüchtern eine Konversation aufbauen, mag man dem Gedicht von Shaalus Lieblingspoeten Brij Narayan Chackbast sofort Glauben schenken: „What is life? A delicate balance of the five elements. What is death? A slight disturbance of this equilibrium.“

Benjamin Ansari

Gesehen beim 9.LICHTER Filmfest Frankfurt International im Rahmen des internationalen Wettbewerbs.