THE SUN, THE SUN..
(c) GoEast Festival
FacebookTwitterBlogger PostGoogle Gmail

Rafał geht gerne laufen. Jeden Tag. Viel mehr erfahren wir nicht über den Protagonisten in Anka und Wilhelm Sasnals fünften gemeinsamen Langspielfilm THE SUN, THE SUN BLINDED ME. Rafał spricht selten. Als er der Beerdigung seiner Mutter beiwohnt sind bei ihm keine emotionalen Regungen erkennbar, selbst dann nicht, als er später kaltblütig einen Geflüchteten erschlägt. Es wird die Geschichte einer undurchsichtigen Person erzählt, von jemandem, der sich so sehr isoliert hat, dass er ein Fremder in seiner eigenen Gesellschaft ist.

Bereits dieses Element lässt erkennen, dass sich bei der filmischen Adaption Albert Camus’ “L’Étranger/ Der Fremde” an die essentiellen Motive der Vorlage gehalten wurde. Die Figur verkörpert Camus’ Philosophie des Absurden. Idealismus, der Wunsch nach Klarheit und tieferer Bedeutung steht dem kalten, verstörenden Außen gegenüber.

Sasnal und Sasnal übertragen die Thematik aus dem Algerien der 1940er Jahre ins heutige Polen. In dieser der Hauptfigur fremden Gesellschaft sind Xenophobie und religiöse Dogmen in Angesicht der sogenannten Flüchtlingskrise allgegenwärtig. Der Anspruch des Films politisch zu sein und Gesellschaftskritik zu üben ist unmissverständlich. Durch diesen Anspruch und die nüchterne Inszenierung einer unnahbaren Hauptfigur scheint THE SUN, THE SUN BLINDED ME zuerst Gefahr zu laufen sein Publikum zu sehr auf Distanz zu halten.

Doch die gekonnt eingesetzten Mittel, vor allem die beinah instropspektive Kameraarbeit, schaffen das Porträt eines gleichsam mysteriösen wie faszinierenden Rafał.

Dieser baut sich eine Festung aus täglicher Routine – das Laufen ist ein wiederkehrendes Symbol und das einzige Moment, in dem er in Bewegung zu sein scheint. Wir sehen ihn kaum von Nahem und sein Gesicht kaum frontal, sondern von hinten oder aus großer Entfernung .

Überhaupt nehmen viele Einstellungen des Films lediglich Details in den Fokus, die aus dem Zusammenhang gerissen wirken. Die Umgebung bleibt dabei oft unscharf, und das große Ganze nicht erkennbar. Die Trauergemeinde bei der Beerdigung ist verschwommen im Hintergrund, entfremdet bilden ihre geflüsterten Gebete ein nicht identifizierbares Gewirr. Die Partygäste, in deren Mitte sich Rafał an einer Stelle des Films befindet, bleiben gesichtslos neben ihren befremdlichen Aussagen, die von Fremdenhass erfüllt sind. Rafałs Außenwahrnehmung wird uns in diesen Szenen vermittelt, seine inneren Regungen werden es nicht.

Der Deutung dieses unbekannten Innenlebens ist Raum gegeben, was das der Film insofern audrückt, als dass verschiedene Verständnisebenen kreiert werden. Gerade das macht den Film jedoch auch schwierig. Es mag ein Individuum gezeichnet werden, das sich in einem Stadium abgeschlossener emotionaler Degeneration befindet, denn weder der Tod der Mutter, noch der Mord eines Unschuldigen ändert etwas an der Leere. Vielleicht gipfeln angestaute Verzweiflung und die fehlende Auseinandersetzung mit den tiefen Problemen der eigenen Gesellschaft in einem ultimativen Gewaltakt. Eine altruistische Phantasie, die diesem unmittelbar vorausgeht, stellt den einzigen Einblick dar, den wir in Rafałs Psyche erhalten. Der Geflüchtete, dem er in dieser Vorstellung hilft und den er mit zu sich nach Hause nimmt, verfolgt ihn anschließend und lässt ihn nicht mehr aus der Wohnung heraus. Die Angst vor einer Konfrontation mit dem Fremden, verkörpert durch den jungen Geflüchteten, der ebenfalls nicht näher psychologisiert wird, scheint die Szene zu bestimmen.Was will man hier erzählen? Dass die Gefahr, sich darauf einzulassen Empathie zu entwickeln darin besteht, dass man sie nicht mehr los wird?

Ganz klar wird die Botschaft nicht.Das ist das Problem mit der Interpretierbarkeit von THE SUN THE SUN BLINDED ME, denn es bleibt dadurch ungewiss, wie sich zu dem Gezeigten positioniert wird. Was haben der Totschlag und die surrealen Elemente im gesellschaftspolitischen Kontext des Filmes für eine Bedeutung? Die Antwort bleibt aus und die Zusammenhänge des Films so undurchsichtig wie seine Figuren.

Wilhelm und Anka Sasnal schaffen ein düsteres Stimmungsbild,  eventuell ist eine experimentelle Form, wie hier, jedoch nicht vollständig geeignet, um sich mit Themen auseinanderzusetzen, die nach Klarheit und Eindeutigkeit verlangen.

von Emeli Glaser

SŁOŃCE, TO SŁOŃCE MNIE OŚLEPIŁO (THE SUN, THE SUN BLINDED ME) läuft beim 17. GoEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films im Wettbewerb.

Termine:
Freitag, 28.04.2017, 18:00 Uhr, in der Caligari FilmBühne, Wiesbaden
Samstag, 29.04. 2017, 18:00 Uhr, im Deutschen Filmmuseum, Frankfurt
Samstag, 29.04. 2017, 20:00 Uhr, im Apollo Kinocenter, Wiesbaden