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Syllas Tzoumerkas erzählt mit A Blast die Geschichte einer radikalen Emanzipation im krisengeschüttelten Griechenland.

Eine Handvoll Frauen sitzen in einem Stuhlkreis. Wir wohnen der Sitzung einer Selbsthilfegruppe gegen häusliche Gewalt bei. Eine der Frauen beginnt, ihre Geschichte zu erzählen. Ihr Mann kommt nach Hause und beschimpft sie. „Du bist nichts wert und zu nichts zu gebrauchen.“ Doch plötzlich verändert sich etwas in ihr. Sie beginnt, sich von ihrem Mann, ihrer Familie, einfach von allem zu distanzieren. Nach und nach schildert sie ruhig den Prozess einer totalen Auflösung des Selbst. Doch was bleibt davon? Zunächst, so sagt sie, ein Gefühl der Leere und Taubheit – doch dann, eines der Dankbarkeit, Erleichterung und stetig stärker, eines der Freiheit. Hiervon möchte Syllas Tzoumerkas in seinem neuen Film A Blast erzählen, und es ist nicht immer leicht, ihm dabei zu folgen.

Zunächst einmal ist da das Tempo: A Blast ist schnell, energetisch und hektisch. Vorwärts, so meint man ganz zu Beginn, ist seine dominante Marschrichtung. Dies verkörpert keiner so gut wie seine Hauptfigur Maria, die von Angeliki Papoulia – vor allem bekannt aus Giorgos Lanthimos’ Dogtooth (2009) und Alps (2012) – gespielt wird. Ihr Gesicht hat sowohl etwas Getriebenes, Verletztes als auch etwas Entschlossenes und Furchtloses. Papoulia trägt, wie auch schon in ihren früheren Arbeiten, eine ganz spezielle Körperlichkeit in den Film. Körper, die mit anderen Körpern zusammenstoßen, dominieren A Blast. Seine Triebfeder ist das Expressive: es wird geschrien, geschlagen, gelacht und geweint. Die Kamera ist dabei stets nah an den Darstellern, sie wackelt und gibt dem Zuschauer ein Gefühl der Aufgekratztheit.

Doch bald wird klar, dass sich der Film eben nicht nur nach vorne bewegt. Immer wieder blickt er zurück, Rückblenden präsentieren uns Marias Vergangenheit. A Blast zeigt auch das Vergangene als präsent und energiegeladen. Wie Marias Erinnerung springt der Film zwischen verschiedenen Bruchstücken hin und her, folgt nur selten der konventionellen Linearität. Den Auslöser dessen, was Maria in den Zustand der äußersten Krise gebracht hat, erfahren wir erst sehr spät und in Andeutungen – was eine der Stärken von Tzoumerkas Film ist.

Erzählt wird in A Blast eine fast schon klassische Liebesgeschichte: Maria hat jemanden kennengelernt, Yannis (Vassilis Doganis) heißt er, ein Seemann. Sie werden ein Paar, bekommen Kinder. Die Bühne ihrer Beziehung ist das Bett. Sexualität ist zentral für den Film, oft sehen wir Menschen, oder besser: Körper beim Geschlechtsverkehr. Doch im Bett werden eben auch Gespräche geführt, gealbert und Treueschwüre ausgetauscht. Nach und nach wird dabei jedoch ein zentraler Punkt klar: Liebe funktioniert nicht ohne Geld. So muss Yannis in die Ferne auf Reisen, hat Sex mit anderen Frauen und Männern, kommt aber doch immer wieder zu Maria zurück.

Doch dann ein weiter, fatalerer Schock: die Krise. Marias Eltern sind schwer verschuldet, und dieser Umstand droht, die gesamte Familie in den Abgrund zu reißen. Wir nehmen Mutter und Vater als unbeweglich und machtlos, also im starken Kontrast zu Marias Hektik und Expressivität wahr. Die wirtschaftliche und politische Ausnahmesituation Griechenlands durchzieht dabei zwar den Film, ist aber nie richtig präsent, sondern wird immer nur vermittelt erfahren. Fernseher, Radios oder das Internet informieren über neuste Wasserstandsmeldungen. Tzoumerkas verzichtet glücklicherweise bewusst darauf, uns A Blast als noch einen Film über die Krise – also „politisch-engagiert“ und vor allem „relevant“ – zu präsentieren.

Am Ende dann, werden wir an eine Frage Marias erinnert: „Will you love me forever, even if I don’t love you anymore?“ – „Yes, I will“. Diese halbernsten Sätze, gesprochen im Halbdunkel des Schlafzimmers, werden, wenn sich der narrative Kreis erst einmal geschlossen hat, bitterer und vor allem schmerzlicher Ernst. Auf dem Weg dorthin entwickelt A Blast einen extrem starken affektiven und emotionalen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Tzoumerkas erzählt von radikaler Befreiung und Emanzipation – und diese läuft entgegen konventioneller Vorstellungen von Tradition, Familie, Liebe und Moral. Gerade deswegen ist diese Freiheit unbequem und schwer zu akzeptieren. Zugleich ist sie aber – ebenso wie der Film selbst – verführerisch, mächtig und kraftvoll.

(Festivalkritik im Rahmen des LICHTER Filmfest 2015)