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Iss was Vernünftiges zu Mittag, nicht Torte! Feiere deinen Geburtstag mit den Gästen! Mach dies gefälligst und das nicht! Für einen Außenstehenden mag der ständige Zwist in einem scheinbar typischen georgischen Dreigenerationen-Haushalt harmlos wirken. Doch an Mananas 52. Geburtstag bringt ein letzter Tropfen das Fass zum Überlaufen: Sogar das Alleinsein wird ihr verwehrt. Die fürsorgliche Lehrerin lässt daraufhin die allumfassenden Zwänge und Selbstopfer hinter sich, die zwangsläufig innerhalb einer Großfamilie entstehen, und zieht aus. Eine Frau lebt alleine in einer bescheidenen Zweizimmerwohnung und trennt sich von ihrem Ehemann, ohne Aussicht auf Rückkehr – ein Affront in einer Gesellschaft, die Nana & Simon offensichtlich zu Recht patriarchalisch nennen. Die gezeigten Zwänge sind real und nicht übertrieben, bloß erkennt man sie für gewöhnlich schlecht, wenn man mitten in ihnen steckt. In Deutschland würde diese Geschichte vielleicht weniger wiegen, allerdings spricht das noch lange nicht für die Überwindung des Patriarchats.

Manana ist endlich wieder glücklich und kann aufatmen, sich dem melancholischen Gitarrenspiel aus ihrer Jugend widmen und ein Stück Torte zum Mittagessen genießen, ohne im Treibsand der familiären Vorwürfe und Anschuldigungen zu ersticken. Und sie kümmert sich weiterhin um ihre Kinder an der Schwelle zum Erwachsensein: Tochter Nino, die sich erfolglos wünscht schwanger zu werden, Sohn Lasha mit seiner neuen Verlobten – und selbst Ehemann Soso lässt sie die Regale in ihrer neuen Wohnung aufhängen, nachdem er mehrmals darum gebeten hat. Aber dank der neu gewonnenen Distanz kann Manana dies nun mit frischer Energie tun.

Wiederum von außen betrachtet könnte man sie als undankbar und egoistisch bezeichnen, und für eine lange Zeit hören eben solche Vorwürfe und Bevormundungen auch nach dem Umzug nicht auf, denn Blut bleibt bekanntlich dicker als Wasser. Zudem steckt sie zweifellos in einem Dilemma und ist sicherlich weniger felsenfest von ihrer folgenschweren Entscheidung überzeugt, als sie nach außen hin zeigen möchte. Aber als leise emanzipierte Frau hat sie verstanden, dass die weibliche Selbstaufopferung, die sowohl in der Gesellschaft von der allgütigen Mutter als auch in der Kirche von der ewigen Jungfrau erwartet wird, kein Naturgesetz ist, sondern Selbstzerstörung bedeutet – auch wenn in einer der wenigen bissig-zynischen Szenen die Fernsehmesse genau dies verkündet, während Manana den Haushalt besorgt.

Ansonsten schlägt MY HAPPY FAMILY, der seine Weltpremiere auf dem diesjährigen Sundance-Festival feierte, eher sanfte, leise Töne an: Die ruhige Kamera lässt die neue Wohnung mit offenem Fenster, Blätterrauschen und Vogelgesang wie eine befreiende Idylle wirken im Kontrast zum lauten Familiengezank, wo jeder anscheinend immer zunächst an sich selbst denkt. Manana wird mit einer würdevollen Tiefgründigkeit überragend von Ia Shugliashvili gespielt. Mit zwei Stunden erreicht der Film eine stattliche Länge, ohne dabei zu ermüden; leider endet er zu abrupt. Man hätte Manana gerne noch länger in ihrem neuen  selbstbestimmteren, glücklicheren Leben beim Gitarrenspiel oder Tortenschmaus begleitet.

Von Thomas Robak

Gesehen beim 17. GoEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films  als Teil des Wettbewerbsprogrammes.