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Den Film “There is no Evil” des iranischen Regisseurs Mohammad Rasoulof zu sehen, ist nicht angenehm. Normalerweise könnte man dies als Zeichen für einen schlechten Film sehen, aber das ist hier nicht der Fall. Der Film behandelt und diskutiert vielmehr das Thema der im Iran praktizierten Todesstrafe, wobei die Gewalt sehr schonungslos gezeigt wird. Dafür nimmt sich der Film knapp zweieinhalb Stunden Zeit, in der das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet wird. Dies geschieht durch eine Aufteilung in vier verschiedene Kapitel, die nur thematisch zusammenhängen und durch unterschiedliche Figuren und Figurenkonstellationen den Zuschauer*innen verschiedene Sichtweisen ermöglichen: Gemeinsam haben die Figuren, dass sie unter diesem System, in dem die Todesstrafe zur politischen Unterdrückung verwendet wird, leiden. Die Charaktere werden hierbei nicht besonders tiefgründig ausgearbeitet, bringen aber genug Menschlichkeit mit, dass man sich in ihre jeweilige Situation einfühlen kann.

Und genau auf diesen Situationen liegt der Hauptfokus des Films. Der Film verbringt viel Zeit damit, diese Szenarien passend aufzubauen, mit Hintergrundinformationen zu versehen und weiterzuspinnen, vielleicht sogar ein bisschen zu viel Zeit. Lange Einstellungen stellen ein wichtiges Stilmittel des Filmes dar und geben dem Film eine gewisse Ruhe, die zwar im Kontrast zu der sehr ernsten Thematik zu stehen scheint, aber auch die nötige Ernsthaftigkeit ausstrahlt. Die besondere Form führt dazu, dass sich dieser Film weniger wie ein klassischer Spielfilm und mehr wie das filmische Pendant zu einer Sammlung von Essays zur Todesstrafe anfühlt, die alle vom gleichen Autor kommen und verschiedene Aspekte dieser Thematik verhandeln. Die Hauptthemen sind dabei die moralischen und sozialen Implikationen, aber es werden unter anderem auch generelle Fragen an das politische System aufgeworfen. Interessant wäre es gewesen, wenn die Kapitel nicht nur thematisch zusammenhingen, sondern auch durch kleinere Details, die in verschiedenen Kapiteln auftauchen und diese somit verknüpfen.

Es wäre jedoch auch ohne große Probleme möglich, jedes Kapitel einzeln zu betrachten und als eigenständigen Kurzfilm zu sehen. Das bringt eine gewisse Problematik des Films mit sich. Im Vergleich zu einem “klassischen” Langspielfilm ist es deutlich anstrengender, diesen Film zu sehen, eben weil er beim Sichten mehr das Gefühl gibt, vier Kurzfilme anstatt eines langen Films zu sehen. In Verbindung mit dem sowieso schon etwas langsameren Tempo des Filmes, das durch die detaillierte Inszenierung der Kapitel entsteht, ergibt sich ein Film, der beim Anschauen herausfordert und die Zuschauer*innen quasi automatisch dazu bringt, über das Thema zu reflektieren. Dies kann man als Stärke des Films auffassen, muss man aber eben auch nicht. Einige Zuschauer*innen mögen vom Film auch stark gelangweilt werden.

Was der Film jedoch exzellent macht, ist es, die Todesstrafe und ihre Auswirkungen mit einem schonungslosen und brachialen Realismus zu zeigen. Dieser Realismus ist es auch, der den Film so unangenehm macht, man möchte eigentlich gar nicht weiterschauen, aber ist gleichzeitig auch gespannt, welche Aspekte noch gezeigt werden. Diesen Spagat zu halten, ist durchaus eine Herausforderung, die der Film ziemlich gut hinbekommt.

Letztendlich gibt der Film keine klaren Antworten auf die von ihm gestellten Fragen, diese müssen die Zuschauer*innen für sich selbst beantworten. Wie auch der Essayband kommt es dem Film mehr darauf an, auf eine bestimmte Thematik aufmerksam zu machen, als alle Fragen zu dieser letztendlich zu klären.

Reviewed by: Benedikt Pausch