FacebookTwitterBlogger PostGoogle Gmail

Was entsteht, wenn die Flüchtlingskrise und die Kunstwelt einer Upper Class vermischt werden? Ein Film, der auf perfide Weise eine Verbindung herstellt zwischen zwei Begriffen, die zunächst keine Verbindung zueinander zu haben scheinen, und die Frage um die Herabwürdigung von Menschen auf eine ganz neue Stufe stellt. The Man Who Sold His Skin (im Original L’homme Qui A Vendu Sa Peau) von der tunesischen Regisseurin Kaouther Ben Hania wurde nicht nur für den Oscar 2021 in der Rubrik ‚Bester Internationaler Film‘ nominiert, er erhielt auch mehrere Nominierungen und Auszeichnungen wie beispielsweise bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig in der Kategorie ‚Bester Hauptdarsteller‘ (Auszeichnung) und ‚Bester Film‘ (Nominierung).

The Man Who Sold His Skin erzählt die Geschichte des syrischen Flüchtlings Sam Ali (Yahya Mahayni), der, nachdem er in Syrien ins Gefängnis gehen soll, in den Libanon flüchtet. Dort schleicht er sich in Kunstvorstellungen, um sich am Gratisessen zu bedienen. Er fliegt jedoch auf und bekommt von dem kontrovers diskutierten Künstler Jeffrey Godefroi (Koen De Bouw) ein Visum und einen Wohnort in Brüssel angeboten, wenn er sich für Jeffreys neustes Kunstwerk das Schengen-Visum auf den Rücken tätowieren lässt und für Ausstellungen zur Verfügung steht. Sam nimmt das Angebot an, ohne lange darüber nachzudenken, um so seine Freundin in Brüssel wiedersehen zu können, und erhofft sich durch das Geld, das er dafür bekommt, ein besseres Leben.

Was zunächst wie die Kritik an einer Gesellschaft, die das Leid anderer zu ignorieren gelernt hat, aufgefasst werden könnte, entpuppt sich als erschreckend realistisch inszenierte Methode, den Menschenhandel rechtlich zu legitimieren, und wirft die Frage auf, inwieweit Menschen für bestimmte Zwecke objektiviert werden können und dürfen. Wie selbstbestimmt kann ein Mensch noch leben, wenn er als illegaler Einwanderer all seine Rechte verliert? All diesen Fragen widmet sich Ben Hania in ihrem Film auf einzigartige Weise.
„What do you think, you’re a Genie?“ „Well, sometimes I think I’m Mephistopheles.“ „You want my soul?“ „I want your back.“ Mit diesem Gespräch beginnt für Sam eine lange Reise der menschlichen Herabwürdigung zu einem Objekt einer privilegierten weißen Oberschicht. Das Gespräch lässt dabei bereits erahnen, dass er dabei mehr als nur seinen Rücken verkauft.

Als lebender Mensch wirkt Sam bei den Ausstellungen immer wieder wie der störende Faktor der Kunstwelt und tut dies doch mit einer Passivität, die ein Bewusstsein für die Hilflosigkeit schafft, in der sich Geflüchtete in einer Situation befinden, die sie all ihrer Rechte beraubt und zum Spielball des Systems werden lässt. Der Film bewahrt dabei stets einen emotionalen Abstand zu den Figuren und verliert sich so nicht in übersteigertem Pathos. Die ruhige und abgeklärte Erzählweise, in der der Film dieses Thema behandelt, lässt es umso brutaler wirken und macht ihn dadurch erst zu etwas Besonderem. Nicht zuletzt ist es die schauspielerische Leistung von Yahya Mahayni, welcher die ganze Handlung trägt und den Film so überzeugend macht.

Ein zentrales Stilmittel bei The Man Who Sold His Skin ist die Dopplung der Protagonisten im Bild, die er durch Aufnahmen mit Spiegeln und Videoaufnahmen innerhalb der Aufnahme erreicht. Durch die kurz gehaltenen Dialoge lässt die Regisseurin so die Bilder für sich sprechen und schafft zusätzlich durch fantastische Musikuntermalung sehr eindringliche Bilder. Sieht man beispielsweise Sam in einem Seidenmantel durch das leere Museum laufen, als wäre er wie ein Star auf dem Weg zu seinen Fans, wirkt es umso stärker, wenn er anschließend in einem performativen Akt die Lichter des Raums, in dem er ausgestellt werden soll, aus der Nähe betrachtet.

Mit The Man Who Sold His Skin schafft es Kaouther Ben Hania auf ihre ganz eigene Weise, ein sozialkritisches Thema filmisch überaus gelungen so zu inszenieren, dass die Spannungsverhältnisse der verschiedenen Systeme, auf die sie hinweisen möchte, zu jeder Zeit spürbar sind.

Reviewed by: Mandy Meier