DIE HABENICHTSE
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Manche Politiker sagen, dass nach dem 11. September nichts mehr ist, wie es mal war. Einfach so schreibt sich die Zäsur Anfang Zweitausend in die Welt ein, so plötzlich, wie die riesigen Türme des World Trade Centers sich in Schutt und Asche legen, und weltweit die Menschen in Sprachlosigkeit  versetzen. Rasch und wortgewaltig entsteht dem gegenüber eine Poetik des Terrors nach 9/11. Jahrelang ist dies auch deutschen Autorinnen und Autoren eine thematische Nische, aus der sie eine Vielfalt epochal bedeutsamer Texte produzieren. Einen der Meistrezipierten hat nun Florian Hoffmeister filmisch umgesetzt: „DIE HABENICHTSE“ von Katharina Hacker.

Während sich durch die Anschläge die Welt verändert, versucht das Paar Isabelle und Jakob einen Neuanfang. Auf das gelingende Leben beharren und dem Zeitgeist Widerstand leisten, so ist der Plan. Aber was das Gelingende sein soll, das wissen sie selbst nicht genau.

Habenichtse heißen sie, weil ihnen eigentlich nichts gehört. Jakobs neuer Arbeitsplatz in einer Kanzlei war für seinen Kumpel bestimmt, der kam jedoch im World Trade Center ums Leben. Die Londoner Altbauwohnung ist schnell gefunden, aber nur weil die Vormieterin ihrer Krankheit erlegen ist. Und a pro pro Immobilien, damit kennt sich Jakob gut aus: Sein erster Big Fish ist eine Mandantin mit jüdischen Vorfahren aus Deutschland, die jetzt das Anwesen einklagt, um das ihre Familie im Nationalsozialismus gebracht wurde.

So eine weltgeschichtliche Reizüberflutung kann das eigene Weltverhältnis schnell überfordern. Regisseur Florian Hoffmeister (STIMMEN DER WELT, 3 GRAD KÄLTER) schafft allerdings mit Isabelle und Jakob zwei Charaktere die um nichts ihre Distanz zum Geschehen verlieren: Während Jakob in seine Arbeit versinkt, sperrt sich Isabelle in der neuen Wohnung ein, tapeziert die Wände, illustriert Bilder, kauft Decken. Ihr Wohnen wird zum Warten auf die Erfüllung der eigenen Erwartungen, die irgendwann nur noch in wahllose Überlegungen abdriften: „Vielleicht mal ein Kinderbuch schreiben, vielleicht sich für irgendeine Minderheit einsetzen“.

Aber bitte nicht für die, die nur eine Etage tiefer wohnt. Da ist das Nachbarsmädchen Sara. Je lauter es in der Nachbarswohnung zugeht, je agressiver das Gerangel ist, desto deutlicher wird, dass Sara Hilfe bräuchte. Immerhin wird Saras Katze mitgenommen und von Isabelle gefüttert. Nicht so richtig helfen ist ja eigentlich schon fast wieder wie helfen.

Sara übrigens ohne H: Wirkt im Film etwas verloren aber versteht sich trotzdem. Ein Verweis auf den Nationalsozialismus. Symbolisch markiert durch Saras Stern am Kragen-Reißverschluss, der zwar zur Deutung bereit in Nahaufnahme pendelt, sich aber zeitnah in Bedeutungslosigkeit verflüchtigt, weil der Film es nicht wagt dieser Sequenz thematisch Raum zu gebieten. Katharina Hacker hat Sara mehrere Kapitel gewidmet. Das ist natürlich kein Grund es im Film auch zu tun. Die Reduzierung symbolträchtiger Textpassagen auf eine Nahaufnahme könnte durchaus mutig sein, wenn diese für die filmische Erzählung von Belang wären, sind sie hier aber nicht, deswegen wäre es mutiger sie ganz wegzulassen, anstatt sie ohne weiteren Bezug hängen zu lassen. So scheut der Film an den falschen Stellen, sich von der Textvorlage zu lösen, was Nebenfiguren wie Sara zwar unaufdringlich, aber auch irgendwie egal erscheinen lässt.

Andere Nebenfiguren kommen besser zur Geltung. Da ist zum Beispiel der Drogendealer Jim. Einst zufällig vor der Haustür kennengelernt, schafft der Kleinkriminelle es mit der Zeit sich auf Isabelles Couch zu deplatzieren. Guy Burnet gelingt es mit Jim eine Figur zu verkörpern, die sich mit seiner Haltung antagonistisch in die Figurenkonstellation einwebt. Er randaliert und wütet selbstvergessen, redet sich sein Schicksal nicht schön, aber verhandelt um das Gute. Etwa wenn er unbeholfen, aber hartnäckig um Isabelles Aufmerksamkeit bullt: „What is your passion?“ fragt er sie um den Smalltalk zu überwinden und wie selbstverständlich in der Annahme, dass jeder Mensch leidenschaftlich ist. Jim ist eben all das was Isabelle fehlt. Doch das Schreckliche, von dem Isabelle täglich ihren Blick abzuwenden versucht, kann Jim nicht verhindern, ganz im Gegenteil.

Das Schreckliche, das ist eine seltsame Nichtstimmung, die Hoffmeister gänzlich in Schwarz-Weiß einkleidet. Wahrscheinlich ist eine Absage an den Farbfilm eine so dominierende Metapher für die Habenichtse, dass dieses Stilmittel sich vor Überintepretation nicht retten können wird.

Beachtenswert dagegen ist die empathische Umsetzung der Romancharaktere. Zurückhaltend und nicht verurteilend ist Hoffmeisters Blick auf Isabelle und Jakob. Die Gleichgültigkeit, mit der sie dem Geschehen begegnen, birgt gleichzeitig ein Erstarren, gegenüber dem Zeiteinschnitt, der damals ein Stückchen mehr Unbekümmertheit der Welt nahm. Das Nichtwollen wird so zur traurigen Kippfigur, die sich in Richtung Nichtkönnen verlagert. Das Leben der Habenichtse ist halt nicht nur schwarz oder weiß.

Elin Grønhaug

Gesehen im Wochenprogram des MAL SEH’N KINOS in Frankfurt am Main.