MASTER OF THE UNIVERSE_1
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Die Türme, immer wieder diese gigantischen, verwinkelten Kolosse, diese verspiegelten Monolithen unserer Zeit. Sie brechen das Sonnenlicht und trotzen den Elementen, sie thronen über Städten und Kulturen, sie herrschen starr über die freie Welt. Ihre Anziehung ist unbestreitbar, ihr Anblick eine Demonstration der Macht. Nicht staatliche Gebäude ragen so hoch in den Himmel und bedeuten, wer im Land das Sagen hat — es sind die Türme der Banken, die Wahrzeichen Frankfurts, die modernen Paläste des internationalen Finanzadels. Sie schützen die Parallelwelt der Herren des Universums.

Die Kamera in Marc Bauders außergewöhnlichem Dokumentarfilm „Master of the Universe“ untersucht die Fassaden dieser Türme akribisch, zeigt ihre Symmetrien, ihre schiere Größe, versucht Einblick zu erhalten, was darin vorgeht. Tagsüber scheitert der Blick an den Reflektionen des Lichts. Nur im Dunkel der Nacht wird offenbar, was hinter dem Panzerglas geschieht.

Da sitzen dann Männer und Frauen in teurer Kleidung vor den Schreibtischen ihrer Büros wie in beleuchteten Wohnparzellen urbaner Termitenhügel. Sie arbeiten sich die Finger und Gemüter wund und lassen Konten und Geldbörsen wuchern. Ein echter Einblick aber ist auch dies nicht, nur das äußere Betrachten schemenhafter Silhouetten. Den wahren Einblick gewährt Rainer Voss.

In einem langen Interview erzählt er vom Inneren der Türme und dem Rumoren der Wirtschaft. Voss ist einer von „drinnen“, ein ehemaliger „Bankster“. Er sagt Sätze wie diese: „Man macht denselben Urlaub an denselben Orten, die Kinder gehen in denselben Kindergarten. Dann wird daraus ein geschlossenes System, in dem man sich immer weiter von der Wirklichkeit entfernt“. Gedanken, ob die Geschäfte, die man abschließt, „irgendwelche Auswirkungen auf die Welt da draußen haben“, mache man sich dann nicht mehr. Man brauche diese Welt nicht mehr.

Voss berichtet mit seinem Insiderwissen von einem System, das von innen her verrottet. Manchmal doziert er wie ein eitler Professor, narzisstisch und arrogant. Manchmal nimmt man ihm ab, dass er die Seiten gewechselt hat und nun die Kritik äußert, die man innerhalb der Türme niemals erwähnen darf, wenn die Karriere nicht abrupt enden soll. Etwa wenn er sich wundert, dass die durchschnittliche Haltezeit von Aktien vor nicht allzu langer Zeit noch bei vier Jahren lag und heute bei 22 Sekunden. Mehrfach allerdings erwähnt er, wieviel Geld er verdient hat. Letztlich hinterfragt er nur die Moral der Finanzwelt, weil er es sich nun leisten kann. Er braucht die Welt da drinnen nicht mehr.

Das Gespräch zwischen Voss und Bauder mäandert durch die Skandale und Krisen der näheren und weiteren Vergangenheit: Voss spricht von faulen Äpfeln, schwarzen Schwänen und umgedrehten Pyramiden, vom politischen Zusammenhang „schwachsinniger“  Finanzprodukte mit dem ersten Irak-Krieg, vom Knopfdruck, der die Weltgeschichte ändert und von Banken, die Länder angreifen. Der Fall Kerviel und der französischen Société Générale wird ebenso erwähnt wie die große Asien-Baisse, Griechenlands Wertverfall und Bernie Maddoffs Jahrhundertbetrug.

Voss‘ Ausführungen streifen durch Abgründe wie Börres Weiffenbachs schwerelose Kamera durch das VAU, dem Ort des Gesprächs — jenes seit Jahren leerstehende Gebäude, in welchem früher die bayerische Hypo- und Vereinsbank residierte und welches 2014 als Festivalzentrum des Lichter Filmfests dient. Rainer Voss meint einmal, als Trader fühle man sich wegen der vielen Bildschirme wie im Raumschiff Enterprise. Das VAU wirkt passend dazu wie die Kulisse eines Science-Fiction-Streifens der 70er Jahre.

Die poetische Bildgestaltung, der spannungsgeladene Score sowie die bloße Idee, ein solches Interview in solchen Räumen zu drehen, wo die ehemalige Tafelrunde des Vorstands nun verlassen vor sich hin schimmelt, zeugen von feinem Gespür Marc Bauders für das überlebensgroße Format des dokumentarischen Kinofilms. Nicht von ungefähr wurde „Master of the Universe“ mit dem Preis der deutschen Filmkritik und einer Nominierung für den deutschen Filmpreis geehrt. Filme wie dieser sind für die große Leinwand gemacht, weil sie Großes zu erzählen haben.

Es gebe nicht wenige Menschen, sagt Rainer Voss gegen Ende des Films, die großes Interesse am Zusammenbruch des Euro hätten. Auf die Frage, was man als nächstes erwarten müsse, antwortet er vielsagend: „Frankreich. Und dann is‘ game over.“

Die Türme — soviel ist sicher — werden auch nach dem Spielende weiterbestehen, weiter wachsen, sich vermehren. Riesenhaft, undurchdringbar, potent und mächtig und starr.