Still aus "A Beautiful Day"
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Joe hat mit dem Leben abgeschlossen. Aus seiner Zeit beim Militär kehrte er, ein ohnehin schon durch Traumata geplagter Mann, nun völlig gebrochen in eine farb- und freudlose Welt zurück. Seine pflegebedürftige Mutter bildet für ihn den letzten Bezugspunkt. Zur Aufarbeitung alter Sünden, vielleicht auch in Ermangelung echter Alternativen, hat Joe es sich zur Aufgabe gemacht gegen Bezahlung minderjährige Mädchen aus den Klauen krimineller Prostitutionsringe zu befreien.

Wenn man möchte, kann man Lynne Ramseys neuestes Werk A BEAUTIFUL DAY als eine Art Gegenentwurf auf die Gattung der Selbstjustiz-Actioner verstehen. Anders als seine indirekten Filmkollegen hat die Figur des Joe, verkörpert durch Joaquin Phoenix, weder platte One-Liner noch einen Hauch von perfider Freude an der Gewalt parat. Anstatt alte Genrekonventionen zu bedienen und Joe als Antihelden in einem pervertierten Wertesystem zu etablieren, stellt Ramsey bekannte Sehgewohnheiten auf den Kopf und präsentiert ein audiovisuell durchstilisiertes und entschleunigtes Arthouse-Kino.

Der Film lebt von seiner Stilisierung, die oft an Nicolas Winding Refns inszenatorisch ähnlich komponierte Werke wie „Walhalla Rising“ oder den grandiosen „Drive“ erinnert, ohne jedoch deren Klasse zu erreichen. Auch in A BEAUTIFUL DAY wird nicht viel gesprochen, auch hier wechseln sich langsame Kamerafahrten und statische Aufnahmen ab, auch hier liegt dem Ganzen ein treibender Score zugrunde und auch hier gibt es nur wenige, dafür umso intensivere Gewaltspitzen.

So gut Regisseurin Ramsay ihre Bilder auch beherrschen mag, so wenig kann sie darüber hinwegtäuschen, dass es ihrem Film letzten Endes an Substanz fehlt. Es ist ein Bruch mit dem eigens auferlegten Credo, wenn es die Figuren und die Handlung sind, die bei so viel Wert auf bedachte Audiovisualität eindimensional bleiben müssen. Die eigentliche Story setzt sich aus altbekannten Elementen zusammen, die den Film zum einen über weite Strecken vorhersehbar werden lassen, zum anderen aber auch gegen die tolle Optik arbeiten. Geradezu ärgerlich ist es, dass auch Phoenix‘ Charakter so schematisch aufgebaut ist, dass einzig die mächtige Präsenz des Schauspielers einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Dabei mangelt es nicht an guten Ideen und frischen Ansätzen – gerade im Bezug auf den Filmtitel – sie werden nur nicht ausgespielt. So ist A BEAUTIFUL DAY für Fans des Genres und der Inszenierung ein durchaus sehenswerter Film geworden, der leider hinter den Erwartungen, auch seinen selbst auferlegten, zurückbleibt.

von Christopher Hechler