Number of Silence von Csongor Dobrotka, Screenshot
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Aus dem Auto heraus beobachtet eine Frau zwei Männer, die auf den Treppenstufen eines Platz sitzen und sich freundschaftlich zu unterhalten scheinen. Immer wieder macht sie Fotos mit einer großen Kamera. Wer sind die Männer und warum scheinen sie von Interesse für diese Frau? Der eine Mann bricht auf, der andere bleibt. Er sitzt bewegungslos auf den Stufen. Die Frau, ganz in schwarz gekleidet, steigt aus dem Auto und geht zu dem Mann. Als sie ihn erreicht, wird klar: Er wurde soeben ermordet.

Die Webserie NUMBER OF SILENCE aus Gießen und Wetzlar macht in den ersten vier Folgen der ersten Staffel viele Fässer auf. Es werden eine Handvoll Figuren eingeführt, deren tatsächliche Rollen bis zum Ende der vierten Episode ungeklärt bleiben. Hauptsächlich die dauerhafte musikalische Untermalung sorgt für eine Atmosphäre, die an Verschwörung und Spionage denken lässt und Spannung aufbauen soll.

Die ersten beiden Episoden konzentrieren sich auf Nina, die eine Geheimagentin zu sein scheint. Ein ominöses Schließfach, dem sie einen Autoschlüssel entnimmt und im Austausch ihre Armbanduhr zurück lässt, ihr schwarzes Outfit aus Lederimitat sowie ein Gespräch mit ihrem vermeintlichen Auftraggeber Constantin über ein futuristisch anmutendes Kommunikationsgerät verstärken diesen Eindruck. Skurriler Weise folgt sie ihrer Zielperson in High Heels „unauffällig“ durch den Wald und belauscht ein vertrauliches Gespräch des Mannes mit einer älteren Frau, die in Nina vage Erinnerungen an einen früheren Krankenhausaufenthalt auslöst. Neben Nina werden noch weitere Figuren eingeführt. Der Psychologe Viktor Glass versucht verzweifelt Nina telefonisch zu erreichen. Barfuß hetzt er auf der Suche nach einem gewissen Jan Berg durch die nächtliche Stadt. Sein Rücken ist mit frischen Wunden übersät und er scheint gerade noch einer brutalen Folter entkommen zu sein. Seine Verfolger sind ihm dicht auf den Fersen und zudem bewaffnet.

Und wer ist der mysteriöse Patient Nr. 97, der Visionen von Feuer, Blut und einer Sprechanlage hat? Er wird in einem Keller festgehalten und bekommt von einer Krankenschwester seine Pillen serviert. Andeutungen über Andeutungen. Die Fantasie der Zuschauer*innen blüht auf. Alles bleibt vage und die Figuren bleiben wortkarg. Manche Szenen wirken amateurhaft oder kitschig, zum Beispiel als nachts bei der Verfolgungsjagd plötzlich Nebel aufzieht. Die Make Up-Effekte für Viktors Rückenwunden wirken zudem kaum glaubhaft, noch sind sie so übertrieben, dass man sie als bewusst trashig bezeichnen könnte – sie wirken, wie vieles in der Serie, einfach nur gewollt.

Doch man darf nicht vergessen, dass es sich hier um eine regionale Low-Budget Webserie handelt, die nicht primär für die Kinoleinwand produziert wurde. Es handelt sich um ein Freundschaftsprojekt, dessen Entstehung bereits auf das Jahr 2013 zurückgeht. Die nächsten Folgen sollen professioneller, internationaler und schneller produziert werden, meinen Produzent Jan Krankl und Schauspielerin Magdalena Kaim im Gespräch nach der Vorstellung beim LICHTER Filmfest Frankfurt International – eigentlich fast schade, denn die Machart der Serie wirkt gerade aufgrund ihrer kleinen Unzulänglichkeiten sympathisch und authentisch.

Der ersten Staffel fehlen nun noch zwei weitere Folgen, die sich bereits in der Postproduktion befinden. Danach sind noch zwei weitere Staffeln geplant, für die bereits einzelne Szenen gedreht wurden. Jan Krankl verspricht: „Es wird ein Ende geben, eine runde Konklusion.“ Die offenen Fragen und vielen Fährten der ersten vier Folgen haben aber ihren ganz eigenen Reiz und jede Folge funktioniert in vielerlei Hinsicht für sich. Die Macher, die nach eigener Aussage von Hitchcock und Lynch beeinflusst sind, wollen die Sehgewohnheiten ihres Publikums ändern. Doch bräuchte diese offene Form, die die Fantasie in Schwung bringt -so ließe sich gegenteilig für NUMBER OF SILENCE argumentieren- vielleicht gar keine Auflösung.

von Anna Bell

Gesehen beim LICHTER Filmfest Frankfurt International im Rahmen des regionalen Langfilmprogramms.
Die vier zuvor frei verfügbaren Episoden sind mittlerweile kennwortgeschützt, auf der Homepage von NUMBER OF SILENCE kann man sich allerdings in einen Newsletter eintragen um weitere Informationen zu bekommen.