(c) goEast Filmfestival
FacebookTwitterBlogger PostGoogle Gmail

Anežka, eine Frau Anfang 20, sitzt weinend in einem modern eingerichteten Zimmer, das von weißen Farbtönen dominiert ist. Die Psychologin ihr gegenüber wirkt in ihrem himmelblauen Kleid fast fehl am Platz. Sie fragt: „Was brauchst du, Anežka?“ Mehrere Minuten der Stille vergehen, bevor Anežka schluchzend antwortet: „Ich weiß es nicht“.

Diese kurze Szene steht symbolisch für Beata Parkanovás Film MOMENTS. Eine klassische, kontinuierliche Geschichte erzählt der Film nicht und präsentiert stattdessen Ausschnitte aus dem Leben der Protagonistin Anežka: Mal streitet sie sich mit ihrer Großmutter, verzweifelt an der Depression ihrer Mutter oder lässt sich auf kurze Abenteuer mit verheirateten Männern ein. Eines wird dabei deutlich: Glücklich ist Anežka nie.

Mehrmals wird Anežka gefragt: „Brauchst du etwas?“. Jedes Mal verneint sie die Frage. Doch der Film macht schnell deutlich, dass das nicht stimmt. Das Problem ist nur, dass Anežka die Antwort selbst nicht kennt, denn MOMENTS thematisiert auch, dass Anežka auf einem existenziellen Level keinen Grund hat sich zu beklagen. Einer ihrer One-Night-Stands fragt sie: „Wie geht es dir?“ – „Schlecht, denke ich“ – „Schlecht? Hast du genug zu essen?“ – „Ja“ – „Hast du einen Platz zum Schlafen?“ – „Ja“ – „Dann geht es dir nicht so schlecht“.

Aufgrund des Fokus auf Anežka funktioniert der Film allein dank der fantastischen Leistung von Hauptdarstellerin Jenovéfa Boková, was umso bewundernswerter ist, da sie keine Schauspielausbildung absolviert hat, sondern Musik studiert. Jenovéfa Boková schafft es in den vielen Großaufnahmen des Films durch ihre Mimik dem Publikum die Nuancen von Anežkas Traurigkeit und Unzufriedenheit zu vermitteln. Die Regisseurin setzt dabei besonders Jenovéfa Bokovás hellblaue Augen in den Fokus, die beinahe ausreichen um Anežkas gesamte Gefühlswelt widerzuspiegeln.

MOMENTS kann als Sinnbild einer jungen Generation verstanden werden, die alles hat was man braucht, und die dennoch oft orientierungslos durchs Leben irrt. Trotzdem postet diese Generation ständig scheinbar glückliche Momente aus ihrem Leben in den sozialen Netzwerken. MOMENTS zeigt hingegen Schnappschüsse der Verletzbarkeit und Bilder der Schwächen seiner Protagonistin.

Im Gespräch mit Jenovéfa Boková nach dem Filmscreening beim goEast Filmfestival erzählt die Darstellerin, dass die Figur der Anežka auf der Lebensgeschichte der Regisseurin beruht: Anežkas Leben ist Beata Parkanovás Lebens. Dabei beschönigt die Filmemacherin ihre eigene Person nicht. Die Kälte, mit der Anežka mit ihrer depressiven Mutter umgeht, stößt auf Unverständnis. Die Schnelligkeit ihrer wechselnden Beziehungen mit verheirateten Männern sorgt für Kopfschütteln. Doch das ist eben ehrlich: Menschen haben Schwächen und negative Eigenschaften. Die Regisseurin zeigt Mut, die wahrscheinlich schlimmsten Momente ihres Lebens mit einem großen Publikum zu teilen – und ihr Film ist genau aus diesem Grund eine Inspirationsquelle.

MOMENTS endet mit einem kleinen Hoffnungsschimmer: Anežka bewundert von einem Kran aus die wunderschöne Landschaft ihres Landes. Doch der wahre Grund zur Hoffnung für diejenigen, die wie Anežka nicht wissen was sie im Leben für ihr Glück brauchen, ist der Werdegang der Regisseurin: Anežkas Zukunft ist Beata Parkanovás Gegenwart. Die Regisseurin hat im Filmemachen einen Sinn für ihr Leben gefunden zu haben. In einem Interview mit Cineuropa beschreibt sie die Produktion von MOMENTS als Verarbeitungsprozess der schlimmsten Phase ihres Lebens. Heute kann sie die Frage der Psychologin was sie denn brauche, sicherlich beantworten, auch wenn sie uns im Film die Antwort schuldig bleibt.

Domenico Colucci

MOMENTS
(CHVILKY)
Beata Parkanová
Tschechische Republik, Slovakia
2018
93 Min

 
MOMENTS war Teil des Wettbewerbprogramms des 19. goEast Filmfestival des mittel- und osteuropäischen Films.