Oray
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Allah hat immer Recht, doch verschiedene Auslegungen verdrehen Oray den Kopf. Denn wessen ist die richtige: Die des Imam aus der Heimat? Die von dem aus der Großstadt? Oder soll Oray sich dem Koran widersetzen und auf sein Herz hören?

Der temperamentvolle Oray (Zejhun Demirov) wurde gerade aus der Haft entlassen. Er hat zum Koran gefunden und will nun ein guter Muslim werden. Aber nicht lange und in einem hitzigen Streit mit seiner Freundin Burcu (Deniz Orta) rutscht ihm aus Versehen das Scheidungswort „Talāq“ heraus. Ein Ausruf, der auf verschiedenste Weise ausgelegt werden kann. Hilfe findet er beim Imam seiner Heimat. Dieser empfiehlt eine dreimonatige Pause zwischen ihm und Burcu. Direkt folgt für Oray ein Umzug nach Köln. Dort findet er schnell Anschluss in eine andere muslimische Gemeinde, doch die Sehnsucht nach seiner Freundin lässt ihn in eine Glaubenskrise fallen.

Auch wenn Oray manchmal in die Handykamera predigt und dabei eher der konservativen Seite zuzuordnen ist, ist er doch kein radikaler Muslim in seinen Ansichten. Der durch hervorragend mehrdimensionale Charakterzeichnung zum Leben erweckte Oray wirkt mit seiner inneren Zerrissenheit erschreckend echt und verfällt zu keiner Zeit dem Klischee des konservativen Muslim als potentiellem Terrorristen, welches sich in jüngster Vergangenheit in manchen Gruppen der Gesellschaft so fest etabliert hat. Mehmet Akif Büyükatalay verliert sich in seinem Debütfilm nicht in altbackenen, plakativen Schwarzweißdarstellungen, sondern inszeniert sein Milieu und seine Charaktere als lebendige Menschen mit echten Konflikten und Problemen, die so zwischen uns existieren. Als doch eigentlich sympathischer Charakter eröffnet Oray für den Zuschauer einen Einblick in die für uns nur oberflächlich bekannte oder gar verzerrte Welt der konservativen Muslime, und gibt uns so zu verstehen, dass wir im Grunde als Menschen alle die gleichen Sorgen und Konflikte teilen und nichts zu befürchten haben. Eine beeindruckende schauspielerische Leistung Zehjhun Demirovs sowie lebensechte Dialoge, die zwischen Deutsch und Türkisch wild springen, verleihen dem Film die Authentizität, die es braucht, um auf schwierige Themen wie Glaubenskonflikte, Auslegungen von religiösen Texten und tiefgreifende menschliche Konflikte angemessen einzugehen. Die durchweg ruhige Kameraführung und der behutsame Schnitt helfen dem Zuschauer sich auf diese Welt einzulassen, ohne ihn dabei mit neuen Eindrücken zu überrollen.

Büyükatalays Debütfilm lebt von seinem intelligenten Drehbuch, den nuancierten Leistungen seiner Schauspieler und der gekonnten Inszenierung seines Milieus. Der Einblick in Orays Situation klärt auf, lässt einen aber auch gleichzeitig fragend zurück: Wie hätte man sich selbst entschieden?