© goEast Film Festival
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Dieser Ort ist tot, abgewetzt. Leer ragen die Betonbauten des zerfallenen Sozialismus in den Himmel über Tiflis. Der alte Anstrich der Wohnhäuser blättert in breiten Streifen die Fassaden herab. Georgiens Hauptstadt, wie wir sie im Film WHEN THE WORLD SEEMS TO BE LIGHT sehen, stirbt an Trost- und Perspektivlosigkeit. Die junge Generation macht sich diesbezüglich keine Illusionen. „Ich wäre hier auch mit Diplom arbeitslos“, meint der Halbwüchsige mit dem Iron-Maiden-Shirt. Deshalb findet er es auch sinnlos, weiter zur Schule zu gehen. Er und seine Kumpels ziehen lieber Tag für Tag mit ihren Skateboards los. Wenn sie auf den Rollbrettern stehen, fliegen ihre langen Haare im Wind.

Gleich drei Filmemacher haben die georgisch-deutsche Dokumentation realisiert, die von einer Fotoreihe des Koregisseurs David Meskhi inspiriert ist. Der stille Film lädt seine Zuschauer dazu ein, eine Randgruppe in ihrem unspektakulären Alltag zu begleiten. Ohne Erzählstimme oder Narrativ heften wir uns an die Fersen junger Skater, sehen ihnen beim Fahren und Abhängen zu. Alle sind gerade volljährig, bewegen sich noch unbeholfen in ihren schlaksigen Körpern. Von den Tricks, die sie auf dem Skateboard einüben, misslingen die meisten. Rauf auf die Eisenstange, wieder runter, und von vorn.

Die jungen Männer hassen ihre Heimat nicht. Statt über die Tristesse des Gegebenen zu verzweifeln, die ihnen so wenig bietet und so viel verstellt, haben sie sich in deren bedingungslose Affirmation geflüchtet. Er liebe die postsowjetischen Ruinen, erzählt ein Junge. Tiflis sei für ihn der schönste Ort der Welt. Mag dieses Bekenntnis auch eine Verklärung sein, es trotzt den städtischen Ruinen einen interessanten Widerspruch ab: Wollte man Tiflis in eine bessere Zukunft führen und ihr die Hässlichkeiten nehmen, würde man gleichzeitig die Identifikationsfläche der Einheimischen zerstören.

Zu Beginn des Films sind wir den Jugendlichen ganz nah. Wir schauen in ihre Gesichter und Lebenswelten, begleiten sie bei ihren Fahrten auf öffentlichen Plätzen und Straßen. Worin die Faszination des Skatens besteht, wird sofort klar. Scheinbar losgelöst wirbelt die Kamera inmitten der jungen Wilden herum oder fährt elegant neben ihnen her, sodass die zur Bewegungsfreiheit verdammten Zuschauer im Kinosaal den Rausch nachempfinden. Die Welt wird leicht, tatsächlich! In der zweiten Hälfte des Films mischen sich dann zusehends Bilder aus dem georgischen Fernsehen unter diese Aufnahmen. Der Alltag der Skater kontrastiert nun mit anderen Geschehnissen in ihrer Stadt: Ein tobender Mob geht am helllichten Tag mit Fäusten gegen queere Aktivisten vor, ein kirchlicher Würdenträger sagt der Öffentlichkeit auf verstörende Weise das Erscheinen des Antichristen voraus.

Solche Bilder blitzen manchmal nur für eine Sekunde auf und verfehlen ihre Wirkung nicht. Sie ziehen den Zuschauer in einen Strudel des Unbehagens. Je mehr davon in schnellen Schnitten aufeinanderfolgen, desto größer scheint das Chaos. Zeitweise entsteht dabei der Eindruck, in ein vorschnelles Urteil über die georgische Gesellschaft hineinmanövriert zu werden. Und doch wäre es unfair, einem Film, der hierzulande wie vielleicht kein anderer einen angemessenen Eindruck davon vermittelt, für solche Ungeschicklichkeiten zu verurteilen. Seine journalistische Qualität ist dafür zu hoch, seine unaufdringliche Dramaturgie zu poetisch. Geschmeidig führt er uns gegen Ende zu unseren Protagonisten zurück. Gemeinsam mit den Skatern fahren wir jetzt Zug, verlassen die Stadt – und landen im Grünen. Hier könnte die wahre Vision des Films liegen: dahin zu gehen, wo sich der Besitz eines Skateboards erübrigt, weil es weder Beton noch Asphalt gibt.

Jonathan Horstmann

WHEN THE WORLD SEEMS TO BE LIGHT lief im Wettbewerb des goEast Film Festival 2016.