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Was wissen Sie über den Bosnienkrieg? Ein Thema, das meinem Empfinden nach kaum in unserem Gedächtnis verankert ist. Erst recht nicht in meiner Generation der Zweitausender. “Quo Vadis, Aida?”, die fesselnde Odyssee einer Dolmetscherin, Mutter, und Ehefrau gefangen in jenem Krieg, schafft es, lässt nichts anderes zu, als zum Nachdenken anzuregen.

“Quo Vadis, Aida?” zeigt das bewegende Schicksal der ehemaligen Lehrerin Aida Selmanagić (Jasna Đuričić), die die UN-Friedenstruppen nun als Dolmetscherin 1995 im Bosnienkrieg unterstützt. Die Bewohner von Srebrenica sind dem allgegenwärtigen Krieg hilflos ausgesetzt. Nicht einmal die UN schafft es, sie vor den bosnischen Truppen, geführt von General Mladić (Boris Isaković), zu schützen. Schließlich flüchtet die Bevölkerung in eine vermeintlich “sichere Zone” der UN. Doch nur ein Bruchteil der Geflüchteten wird in die Zone aufgenommen. Die Umstände dort sind prekär, überschattet von der plagenden Ungewissheit, was geschehen wird. Inmitten von alldem: Aida und ihre Familie. Als es zur Räumung des Flüchtlingslagers kommt, zählt für Aida nur die Sicherheit ihrer Familie. Die bosnischen Truppen trennen Männer und Frauen und schaffen sie nach und nach fort. Alles unter den Augen der UN-Friedenstruppen, die, auch wie wir, das Publikum, nur tatenlos zusehen können. Trotz aller bösen Vorahnungen. Aufopferungsvoll versucht Aida alles, um ihren Mann Nihad (Izud Barjović) und ihre beiden Söhne Hamidja (Boris Ler) und Sejo (Dino Barjović) in Sicherheit zu bringen, es steht alles auf dem Spiel. Das Ende? Es ist Geschichte.

Der Film zeigt schmerzlich die Hilflosigkeit der Menschen. Was bleibt, wenn man nicht einmal von Soldaten beschützt werden kann, deren Aufgabe darin besteht, für Sicherheit zu sorgen? Die verlassene, zunächst allem trotzende Fabrik, in der sich das Flüchtlingslager befindet, verwandelt sich zunehmend in ein Gefängnis – für Geflüchtete und UN-Soldaten. Jasna Đuričić verkörpert diese Beengtheit, diese Ungewissheit, und lässt uns das spüren, was all die Geflüchteten wohl gespürt haben mussten. Hoffnung, die doch bald von bitterer Realität eingeholt wurde. Gerade die UN-Soldaten, geleitet von Kommandant Karremans (Johan Heldenbegh), schaffen eine starke Verbindung zwischen den Geschehnissen und uns, dem Publikum. Sie sind anwesend, sie sehen die Gefahr. Ahnten sie, was passieren würde? Vielleicht. Doch am Ende waren sie gezwungen, Befehle zu befolgen, die bosnischen Truppen gewähren zu lassen. Sie mussten zusehen. Sollten Befehle über Menschlichkeit gestellt werden? Damit richtet “Quo Vadis, Aida?” eine Frage an uns, die auch heute nicht an Wert verloren hat. Der Film zeigt die daraus resultierenden Konsequenzen.

“Quo Vadis, Aida?” gibt den unbekannten Opfern eines, wie ich finde, wenig bekannten Krieges, Gesichter und Geschichten. Aida steht für sie alle. Der Film macht aus dem Massaker von Srebrenica mehr als nur eine Episode in einem Geschichtsbuch. Der Film rückt es in unser Gedächtnis. Schonungslos zeigt er uns die Schrecken eines Krieges, der mitten in Europa stattfand. Hinter jeder Opferzahl stecken Menschen, Individuen. Hinter jedem Namen stecken einzelne Schicksale, die Schicksale vieler Familien wie Aidas. Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Ein viel verwendetes Zitat, das doch nicht an Wert verliert, gerade bei diesem Film. Quo Vadis, wohin gehst du? Um dies zu beantworten, sollte ein jeder mit der Frage beginnen “woher kommst du?”. “Quo Vadis, Aida?” hat es geschafft, den Opfern von Srebenica eine Stimme zu geben.

Reviewed by: Felix Münz