Liebe
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Liebe viele“ (2019) von Vera Drude ist ein Dokumentarfilm über Polyamorie: Menschen leben ihre Liebe nicht nur in exklusiven Zweierbeziehungen. Ohne einen Erzähler aus dem Off, ohne eingesprochenen Text und ohne eigens inszenierte Interviews wird auf respektvolle Art und Weise ein Thema dokumentiert, für das große Teile der Gesellschaft leider immer noch nur abschätzige Worte finden.

Fast gänzlich unkommentiert wird dem Zuschauer ein alternativer Lebensentwurf durch Mitschnitte im Alltag von acht Hauptakteuren vorgestellt. Das dokumentarische Konzept des Films beruht auf „Zeigen“. Dieser Ansatz geht auf und lässt den Film ohne nerviges „Othering“ auskommen. Dennoch verlassen den Zuschauer die anfänglichen Fragen – Passiert da noch was? Kommt da noch mehr? – nie ganz.

Eingestreute choreographierte Szenen geben dem Film eine künstlerische Seite und bestätigen jedem Zuschauer, der es nach den ersten drei Minuten noch nicht verstanden hat, dass es sich hier um einen Arthouse-Film handelt. Die Hauptpersonen bewegen sich in diesen Szenen wie von Geisterhand gesteuert: in auffällig bunten Kleidern und extravaganter Schminke, zu Gesang und in der Natur. Auf den einen haben diese Abschnitte vielleicht eine beruhigende Wirkung. Andere können darin das Gekünstelte von gesellschaftlich genormten Beziehungen erkennen, während der zynische Betrachter von ihrer Existenz verwirrt oder gar genervt ist.

Alle porträtierten Personen befinden sich in langjährigen, funktionierenden polyamoren Beziehungen. Die Entscheidung dazu oder der Weg dahin lief dennoch nicht für alle ohne Trauer, Verlust oder Schmerz ab. Deutlich wird auch, dass die Etablierung und das Aufrechterhalten einer solchen Beziehung gleichermaßen nur durch Reflexion und offene Kommunikation funktioniert. Probleme wie Eifersucht, Neid, Kinderwunsch, Kindererziehung und Arbeitszeiten sind genauso alltäglich wie in einer ernsthaften Beziehung mit nur zwei Personen.

Im Gegensatz zu glattgebügelten amerikanischen, bzw. Mainstream-Auseinandersetzungen, verzichtet Drude auf Fiction und aufgestylte Sets. Diese minimalistische Inszenierung zieht das Thema Polyamorie aus dem Kommunen-Kontext, aus dem Star-Drogen-Orgien-Kontext und präsentiert es in einer rohen und natürlichen Form. Allen Vorurteilen von Fremdgehen, Unentschlossenheit oder fehlender sexueller Befriedigung entgegen, wird hier ein Bild von Offenheit, Liebe, Intimität und Akzeptanz gezeigt, wie es in jeder romantischen Beziehung erstrebenswert ist.

Das Ende des Films verunsichert jedoch total und wirft neue Fragen auf. Gerade als man glaubt, verstanden zu haben, dass Polyamorie eine „normale“ Beziehung nur mit mehr Menschen ist, wird man in eine Swinger-Party-anmutende Szenerie eingeführt. Verwirrt hinterfragt man Dinge, die man für sich eigentlich schon separiert und geordnet hatte. Sind alle Personen, die swingen, polyamor? Muss man als polyamore Person Swingen mögen? Wie findet man seine Geschlechterrolle oder Geschlechteridentität in einer polyamoren Beziehung?

Bis dahin bringt der Film jedem das Thema Polyamorie auf sympathische Art näher und unterhält mit kleineren und größeren Längen. Die Akzeptanz für Polyamorie, die man während des Films aufbaut, verfällt jedoch erneut durch die letzten Szenen. Der Schluss des Films drängt Polyamorie bedauernswerterweise zurück in eine Ecke, zurück in den Szene-Kontext, mit dem der „normale Mensch“ ja doch nichts zu tun hat.