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Ungelenk sitzt Eva Nová auf dem Bett ihrer verstorbenen Schwester. Ihr Koffer ist gepackt, denn im Haus, das nun ihrem Sohn gehört, ist sie offensichtlich nicht mehr willkommen. Soeben hat ihr Sohn sie aufgefordert, das Haus zu verlassen. Gerade als sie aufbrechen will, betritt ihre Enkelin das Zimmer und singt ein Lied vor, das sie zusammen einstudiert haben. Hier könnte der klassische Wendepunkt des Films platziert sein. Aus Liebe zur Enkelin, könnte Eva nun doch bleiben und für ein besseres Verhältnis zu ihrem Sohn kämpfen. Und tatsächlich ist Eva von diesem Anblick gerührt. Sie verlässt dennoch das Haus und kauft sich eine Flasche Wodka am Bahnhof. Szenen wie diese machen die Dramaturgie von Marko Škops EVA NOVÁ sympathisch. Anstatt die klassische dramatische Kurve zu zeichnen, entwirft Škop eine Biographie voller Rückschläge.

Eva Nová ist eine schlecht gealterte Schauspielerin. Einst auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, hat sie mit Anfang sechzig den dritten Alkoholentzug hinter sich gebracht. Ihr Sohn, den sie schon früh an ihre Schwester abgegeben hat, will nichts mehr mit ihr zu tun haben. Auf der Suche nach einem Sinn in ihrer Existenz, balanciert sie zwischen nicht glückenden Versuchen, in die Schauspielerwelt zurückzufinden und sich ihrer Familie anzunähern. EVA NOVÁ verzichtet auf starke stilistische Gesten wie eine dominante Tonspur. Stattdessen herrschen die Geräusche der Stadt und die unerträgliche Stille in Evas Plattenbauwohnung. Man muss sich ständig fragen, wie man mit dieser Stille lebt, wenn die Alkoholsucht ständig mit einem im Raum ist.

Und so wird das Leben für Eva immer mehr zu einer Bewährungsprobe. Mit wenig Dialog und in unzähligen Close-ups wird ihr Innenleben erörtert. Die Bandbreite reicht dabei von ungeschminkter Ausdruckslosigkeit bis zu theatralischen Posen. Mit Geduld folgt Ján Meliš’ Kamera Evas Grimassen, die sie vor jedem Ausgang in die Öffentlichkeit einstudiert. Dabei wird bald klar, dass Evas Verhalten, wenn sie nicht spielt, beinahe soziophobe Züge annimmt. Als wüsste sie gar nicht, wie man lebt, wenn man nicht ständig eine Rolle einnimmt.

Dies nüchterne Erzählen macht Eva zu einer tragischen, aber auch einer ernst zu nehmenden Figur. Kontrastiert werden ihre wiederholten Rückschläge in die Alkoholsucht mit einer eitlen Eva, die ihr Aussehen regelmäßig im Spiegel prüft. Es bleibt meist unklar, für wen sie sich jeden Tag so intensiv zurechtmacht, für sich oder für die anderen. Als sie jedoch von zwei älteren Herren angelächelt wird, die in ihr den Filmstar ihrer Jugend wiedererkennen, bleibt Eva vor Freude gar stehen. Hier entgleist beim Kokettieren ihr Gesicht wieder in die etwas unbeholfene Physiognomie, die so gar nicht zu der großen Schauspielerin passt. Er währt nur kurz, aber dieser Moment wird zu einem der ersten authentischer Freude im Film.

Im Gegensatz zu ihrer Figur hat die Hauptdarstellerin Emilia Vášáryová, eine Grande Dame der slowakischen Filmlandschaft, ihren Status bis ins hohe Alter bewahrt. Es ist auch ihre liebevolle Herangehensweise an Eva, die den Film trägt. In seinem Spielfilmdebüt entwirft Škop eine Komposition aus kleinen Details, die ein menschliches Drama zeigen. Bis zum Schluss bleibt Eva die Stabilität, nach der sie sich sehnt, verwehrt. Das eindeutige Happy End findet nicht statt. Es bleibt die Frage, wofür man lebt und wie man überlebt, wenn die besten Jahre hinter einem liegen. Man schlägt sich irgendwie durch. 

Olga Galicka

EVA NOVÁ lief im Wettbewerb des goEast Film Festival 2016. Schauspielerin Emilia Vášáryová erhielt für ihre Darstellung der Eva Nová eine ehrenvolle Erwähnung der Jury.