VANATOARE Still 
(c) dffb
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Gleich neben einem Betonpfeiler an einer namenlosen Brücke in Rumänien lässt eine Frau die Hosen runter. Sie muss mal. Das Gelände ist abschüssig, mühsam findet sie Halt. Wenige Minuten später sieht man sie schon wieder einige Meter weiter an der vierspurigen Schnellstraße stehen. Es ist saukalt. Sie wartet darauf, dass ein Mann sie anspricht. Für umgerechnet 10 Euro würde sie ihm einen blasen.

Drei namenlose Frauen in der Tristesse des europäischen Nachbarlandes Rumänien verdienen sich ihren Lebensunterhalt durch illegale Prostitution am Straßenstrich. Dass wir in Alexandra Balteanus VANATOARE ihre Namen nicht erfahren, macht deutlich, dass sie nur Stellvertreterinnen sind für eine Vielzahl an Frauen, die dieses Schicksal teilen. Durch die alltäglichen Gespräche über Freunde und Familie bringt uns die Regisseurin, die in Berlin an der DFFB studiert hat, auf subtile Weise näher, was die Umstände ihrer Tätigkeit sind.

Bildlich gerahmt wird die Erzählung von trübem Grau. Nistender, farblicher Kälte. Im Unterschied zu Deutschland fehlen die sozialen Sicherungssysteme, und so können persönliche Probleme schnell zu existenzbedrohenden Notlagen werden. Der Film will uns vermitteln, dass die Geschlechterverhältnisse in Rumänien im Allgemeinen noch deutlich weniger reflektiert sind als in Deutschland. Kein Mann kommt hier positiv weg. Sie verlassen Frauen, liegen faul auf der Couch, während die Freundin anschaffen geht, machen in dominanten Gesten und mit rauen Sprüchen deutlich, was sie vom anderen Geschlecht halten. Von Gleichberechtigung jedenfalls halten sie nichts.

Ob dies der Wirklichkeit entspricht, will ich mir nicht zu bestätigen anmaßen. Für den Plot dieses Filmes werden drastische Stereotypen stilisiert, einen Gegenentwurf gibt es nicht. Die Protagonistinnen sind ähnlich einseitig gezeichnet. Sie sind sich dessen, was sie tun (müssen), bewusst. Ihre Lage sehen sie als ausweglos, sie sind in ihren Handlungsoptionen beschnitten. Schuld sind die Freier, das repressive System, die anderen. Trotzdem wirken sie mündig, lassen sich ihren Stolz nicht nehmen, wenn sie den Männern in den Bars schlagfertig kontern, die Polizisten mit den korrupten Methoden konfrontieren und während der Arbeit mit ihren Freundinnen plauschen.

Der Film beraubt sich mit der einseitigen Darstellung der prekären Lebensrealität selbst seiner Aussagekraft und Möglichkeit, einen Diskurs über das Verhältnis zwischen Mann und Frau im modernen Rumänien, über Korruption und Prostitution auf Augenhöhe zu führen. Immerhin, so muss man an dieser Stelle sagen, führt uns der Film eklatante gesellschaftliche Missstände vor Augen. Es gibt diese Schicksale. Man muss sich ärgern, denn die Anlagen, die der Film selbst entwickelt, baut er nicht aus. Lange Einstellungen, und kein wirklicher Spannungsbogen verdeutlichen das Leiden: Am Ende steht Warten. Warten. Warten. Auf was? Auf nichts? Auf den Mann mit der Wohnung und den grünen Augen, damit der Job sich abseits des Systems zumindest in Ruhe ausführen lässt? Warten auf ein besseres Leben scheint kaum denkbar zu sein.

von Julia Pirzer

Gesehen beim LICHTER Filmfest Frankfurt International in der neuen Reihe “Zukunft deutscher Film”.