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Wir alle brauchen manchmal einen Schutz vor der Außenwelt. Eine Hülle, hinter der wir uns in den verletzlichsten Momenten verstecken können. Für Georges, der kürzlich von seiner Frau verlassen wurde und sich nun inmitten einer depressiven Episode wiederfindet, ist diese Hülle etwas Greifbares: Eine knapp 8000 Euro teure Jacke aus reinem Hirschleder. Als Georges (Jean Dujardin) allerdings anfängt, mit der Jacke zu sprechen und von beiden der Wunsch geboren wird, zur einzigen Jacke und dem letzten Jackenträger der Welt zu werden, wandelt sich Depression in Wahn, und ein harmloser Mode-Fetisch wird zur tödlichen Obsession.

Nils Rüther: Wer Dupieux kennt, weiß, worauf man sich bei einem seiner Filme einlässt. Eine sich selbst gänzlich ernstnehmende Komödie über ein, auf den ersten Blick, völlig absurdes Thema. Nachdem der französische Regisseur sich bereits mit Rubber oder Wrong in den Herzen einiger Filmfans einen Platz gesichert hat, besticht er auch in Deerskin mit einer bittersüß-schrägen Komödie. Konsequent getragen von Georges Motivation, der letzte Jackenträger der Welt zu werden, unterhält Deerskin dabei über 70 Minuten hinweg. Wie die Hirschlederjacke selbst, ist dieser Gedanke aber lediglich eine Hülle für viel mehr, worüber uns Dupieux berichten möchte. Schnell zieht der Film den Zuschauer in einen Strudel aus persönlichen Problemen, Midlifecrisis, der Suche nach dem Platz im eigenen Leben, Suizid und Betrug.

Christopher Hechler: Wobei du hier einige Themen ansprichst, die nur angeschnitten, aber nicht auserzählt werden. Georges Betrug an Denise etwa, der einzig wichtigen Nebenfigur, ist lediglich Mittel zum Zweck – geht es in Deerskin nicht eigentlich, oberflächlich, um die Obsession, die man zu Gegenständen entwickeln kann und in der Ebene darunter um eine Schutzhülle, die man sich so durch Konsum errichten kann? Ist Georges Jacke nicht mehr eine neue, bisher unterdrückte Facette seiner Persönlichkeit – weg vom Langweiler, hin zum pseudo-lässigen Filmemacher – als nur eine neue Jacke?

Nils Rüther: Selbstverständlich lässt uns Deerskin mehr als genug Platz zum Interpretieren. Immer wieder lädt uns Dupieux ein, neue Theorien über die eigentliche Bedeutung seiner Filme zu spinnen. Dieser Erwartungshaltung des Zuschauers, einen größeren Sinn inmitten des Absurden zu finden, ist sich der Regisseur durchaus bewusst. Gerne lockt uns Deerskin mit kleinen Brotkrumen auf mögliche Fährten, nur um diese nach wenigen Minuten in völliger Belanglosigkeit verschwinden zu lassen. Nicht selten hab ich mich selbst dabei erwischt, wie ich zu interpretieren beginne, nur um kurz danach meine Gedanken verwerfen zu müssen. Dupieux hält uns Zuschauern damit immer wieder einen Spiegel vor und zeigt uns, wie unsinnig es denn eigentlich ist, in einer solchen Idee die tiefere Bedeutung zu suchen und sich dadurch nicht völlig auf die irrwitzige Geschichte rund um Georges und Denise (Adèle Haenel) zu konzentrieren. Für mich ist Deerskin ein Fingerzeig in Richtung all jener Kritiker, die jetzt, genau wie wir, versuchen Texte über diesen Film zu schreiben. Als für ihn wichtigstes filmisches Stilmittel hat der Regisseur bereits in Rubber die Willkür etabliert, diese Prämisse setzt er in Deerskin fort.

Christopher: Ähnlich wie Rubber empfinde ich auch Deerskin alles andere als willkürlich. Sicherlich, dieses Element bedienen beide Filme, anders lassen sich abstruse Situationen, die einen des Öfteren mit Fragezeichen zurücklassen, kaum sinnvoll deuten. Ich verstehe deinen Ansatz, finde aber, dass gerade die Geschichte von Georges und seiner Lederjacke zu durchdacht wirkt, um willkürlich zu sein. Ob Kamerafahrten, Szenerie oder Dialoge – Dupieux überlasst hier, zumindest offensichtlich, nichts dem Zufall. Sein Genremix zelebriert das Absurde, das Kino und das Filmemachen zugleich, ist genauso schwarzhumorige Komödie über eine schön-hässliche Jacke, wie Metapher über das Leben und dessen Krisen selbst. Dass wir uns aber, nach wenigen Zeilen über Handlung und Technik, so stark auf mögliche Deutungen fokussieren, ist für den Film und den subjektiven Unterhaltungswert, den man aus ihm ziehen kann, bezeichnend.

Nils Rüther: Sicherlich ist wenig in Dupieux Schaffen zufällig oder ungeplant. Jeder einzelne Schnitt und jede Musiknote scheint bewusst und passend platziert. Willkürlich erscheint dem Zuschauer, der gänzlich Dupieux Gedankenwelt ausgeliefert ist, jedoch alles, was auf der Leinwand geschieht. Begonnen bei Georges Modegeschmack bis hin zu den Fransen der Hirschlederjacke sind wir gefangen in der scheinbaren Willkür des Filmes. Deerskin funktioniert ähnlich wie unsere Realität. Es ist schwer zu akzeptieren, dass manche Dinge nunmal ohne greifbaren Grund passieren, seien es Krankheiten oder Lederjacken mit eigener Persönlichkeit. Uns Menschen ist fast schon die Sisyphos-Aufgabe auferlegt, nach einem größeren Sinn zu suchen. Ob jetzt im Mikrokosmos Deerskin oder in unserem Alltag. Es ist jedoch schlicht unmöglich, in allem einen Grund zu finden und diese Akzeptanz für Geschehenes fordert und fördert Dupieux vom Zuschauer. Aber selbst die Interpretation, man solle nicht interpretieren, ist natürlich ein Widerspruch in sich.

Christopher Hechler: Dann also, fernab jeglicher Interpretation – sollte man sich dem mollig warmen Schutz des Hirschleders hingeben und “Deerskin”, aller Absurditäten zum Trotz, eine Chance geben? Ich denke schon, denn auch wenn der Film, wie die Jacke, nicht jedermanns Geschmack treffen kann, gelingt Dupieux hier doch ein grotesk-lustiges filmisches Kleinod.

Nils Rüther: Wer bereit ist, sich voll auf Deerskin einzulassen, wird eine Menge Spaß mit dem Film haben und vermutlich völlig andere Interpretationen formulieren, als wir das getan haben. Und genau das macht Deerskin so spannend.