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Zwei Kinder liegend schlafend nebeneinander, man hört ihr Schnarchen. Am Bett sitzt eine Frau, sie kämmt sich die pechschwarzen Haare. Schnitt, die Kinder laufen in einem Wald umher, es wird kaum geredet. „What a big tree“ sagt das Mädchen. „Careful“ entgegnet der ältere Junge, als sie auf dem unebenen Waldboden umzuknicken droht.

In einem Stil, der genauso gut einen Horrorfilm einleiten könnte, beginnt Jiao You oder Stray Dogs des Filmemachers Tsai Ming-liang. Schauplatz ist die taiwanische Hauptstadt Taipeh, gezeigt werden entschleunigte Bilder bitterster Armut. Nach den anfänglichen Naturaufnahmen wird es laut, zwei Männer stehen an einer belebten und regnerischen Straßenkreuzung, sie halten Werbeschilder hoch.

Später sieht man einen der Männer und die Kinder zusammen essen, sie nennen ihn Daddy.
Als es Nacht wird, schlüpfen sie durch einen altersschwachen Wellblechzaun hindurch in ihr Nachtquartier, einer Matratze inmitten einer Ruine. Kerzenschein und der Regen, der durch das undichte Dach hereinbricht, bestimmen die Geräuschkulisse.

Wie eine zweistündige Meditationsübung fühlt sich Jiao You an, es spielt sich kaum eine erkennbare Handlung ab, viel mehr zeigt Tsai Ming-liang in einer Milieustudie das Leben in Armut und Anonymität in einer Millionenstadt. Dabei kommen trotz allem auch positive Augenblicke zustande, etwa das gemeinsame Zähneputzen der drei in einer öffentlichen Toilette, bevor sie sich zu besagtem Nachtquartier begeben.

Trotzdem ist es keine Geschichte mit Happy End, die Tsai Ming-liang erzählt – viel mehr ist es ein Ausschnitt einer perspektivlosen Existenz ohne Aussicht auf Besserung. Allenfalls für die Kinder scheint nicht alles verloren zu sein, so kümmert sich etwa eine Frau im Supermarkt um das junge Mädchen, als sie ihren Gestank bemerkt. Der Annäherungsversuch eines Mannes an eine Frau bleibt dagegen unerwidert, er bleibt alleine zurück. Die Zeit scheint still zu stehen im Leben der drei Hauptfiguren, ein Tag gleicht dem anderen, ein Teufelskreis, aus dem das Ausbrechen unmöglich erscheint.

Ausgezeichnet mit dem Großen Preis der Jury bei den Filmfestspielen in Venedig 2013 ist Jiao You ein Film, an dem sich die Geister scheiden.
In schier endlosen Szenen und ohne Schnitte kommt ein Film daher, dem man den Blick für Kleinigkeiten und Details bescheinigen kann – oder man findet ihn langweilig.
Ein schnarchender Zuschauer ist mir im Kino vor diesem Film zumindest noch nicht untergekommen.

(Festivalkritik im Rahmen des LICHTER Filmfest 2015)