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Der Künstlername des „beliebtesten und unbeliebtesten schwulen Filmregisseur Deutschlands“ Rosa von Praunheim setzt sich zusammen aus der Farbe, die den Schwulen im Konzentrationslager zugewiesen wurde – und aus einem Frankfurter Stadtteil. Diesen Themen bleibt er auch in seinen Praunheim Memoires konsequent treu, die auf dem LICHTER Filmfest Weltpremiere feiern.

Man folgt dem Regisseur auf einer Bestandsaufnahme in der für ihn damals „undeutschesten Stadt“ Frankfurt am Main. Sie führt vom ewig gleichen Kleingartenmilieu von Praunheim nebst freiwilliger Feuerwehr und Bürgerfesten zur Hochschule für Gestaltung in Offenbach, Ursprung seiner künstlerischen sowie persönlichen Entwicklung, in der er nunmehr Vorträge vor den ihm ähnlich extravaganten Studierenden hält, und verweilt kurz auch im Café Größenwahn im Nordend, über dem die Regenbogenflagge prangt.

Dabei kommen viele unterschiedliche Menschen zu Wort: Solche, die Teil seines Lebens waren, wie sein mittlerweile dementer Deutschlehrer, der noch alte Bildbeschreibungen seines ehemaligen Lieblingsschülers aufbewahrt. Es treten auch „Stellvertreter“ auf; die Witwe seines besten Jugendfreunds und Maler, die neue Geschäftsführerin einer Frankfurter Galerie, der Sohn der langjährigen, mütterlichen Freundin Nora Gräfin zu Stolberg.

Weiterhin werden auch solche gezeigt, die heute an Orten leben, die in irgendeiner Beziehung zum Regisseur stehen: Er sucht die Bewohnerin seiner alten Wohnung auf und befragt junge Erwachsene, die in den heruntergekommenen Plattenbauten am Frankfurter Berg perspektivlose Existenzen führen – wie die Mutter des Regisseurs, als die Frankfurter Küche noch als innovativ galt.

All diese Personen erzählen, Stück für Stück, die Geschichte Deutschlands in Frankfurt und stellen das Damals in Bezug zu dem Heute. Sie sprechen über den Holocaust und über die Auschwitz Prozesse, über den Katholizismus, über die linke Studentenbewegung und die RAF, über falsche Baupolitik und Ghettoisierung und was das für eine Stadtentwicklung und vor allem das soziale Miteinander bedeutet.

Einmal mehr zeigt sich, dass Rosa von Praunheim dem Dokumentarfilm verhaftet ist. Treu bleibt er seinem gesamten Werk, aus dem oft Tonaufnahmen, Videoaufzeichnungen und Szenen zitiert werden. In einer späten Szene sitzen sein junges, schlaksiges Double und der in die Jahre gekommene Regisseur mit buntem Hut in der Tram in Richtung Offenbach. Dort performt die Studentenband Baby of Control, in ihrer trashig schrillen Art geistiges Kind der Bettwurst, jenem Film, mit dem Praunheim der Durchbruch im Neuen Deutschen Film gelang und der inzwischen zu den Klassikern dieser Ära zählt. Ein Jahr später, 1970, folgte damals die Auftragsarbeit Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt, mit dem von Praunheim bis heute aktuelle Parolen der Selbstbestimmung in die Bundesrepublik sandte.

Dass die Memoires in Rosa von Praunheims Inhalten authentisch sind, zeigt sich in der Problematisierung von sozialen Umständen, allen voran die Ausgrenzung Homosexueller. Aber man stellt auch fest, dass sich vieles zum Besseren gewandelt hat. Auf dem Christopher Street Day kennt man seinen Namen mit großer Selbstverständlichkeit.

Das Herz eines jeden Rosa von Praunheim Fans schlägt höher, wenn ganz unverhofft Dietmar Kracht, Hauptdarsteller der Bettwurst, auf der Bühne des TAT zu sehen ist. Generell wird hier aber jenseits der Werkschau und der Biographie des Regisseurs ein allgemeingültiges Porträt Deutschlands gezeichnet.