Dylda
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Wäre da nicht das Tuch, das ihr hellblondes, beinahe weißes Haar verdeckt. Wäre da nicht die schmutzige Schürze, die korsettartig die aufgeschichteten Klamotten über ihrem schmalen, großen Körper zusammenhält. Wäre da nicht das gequälte Röcheln, das selbst im größten Schmerz noch für Leben steht. Wäre all das nicht, man könnte meinen, Iya wäre der realen Welt längst entwachsen – hoch empor, die „Bohnenstange“, über Tod und Chaos und Schmerz und Leid hinweg. Vorbei würde sie schweben. Vorbei an den grünen, weißen, kahlen Krankenhausfluren, die Verzweiflung schwitzen; vorbei an den Verwundeten ohne Hoffnung und vorbei auch an Masha, dem für sie einzig wichtigen, dem für sie letzten Menschen.

Dylda“, so der Originaltitel des dritten Langfilms vom russischen Regisseur Kantemir Balagow, lebt von Kontrasten. Im Zentrum des Dramas steht die Beziehung der Freundinnen und ehemaligen Soldatinnen Iya (Viktoria Miroshnichenko) und Masha (Vasilisa Perelygina), die versuchen, sich im Leningrad kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges ein neues Leben aufzubauen. Von ihren Erlebnissen im Krieg sind beide gezeichnet. Narben auf Körper und Seele zieren die Mimik, zeigen sich in Gestik, offenbaren sich in kalten Fragen, die auf warmherzige Antworten hoffen.

Masha, die länger an der Front blieb, um ihren Mann zu rächen, vertraute Iya ihren Sohn Pashka an. Beim Spiel mit dem Jungen gerät Iya jedoch in eine Art Schockstarre, ist geistesabwesend, bewegt sich nicht, erstickt unbewusst den Jungen. Der Tod des Kindes ist für die Frauen eine von vielen Tragödien. Ihre Reaktionen sind so nüchtern und zugleich facettenreich, wie die Kameraarbeit von Ksenia Sereda: Immer nah dran, immer intim, immer die Körperlichkeit im Fokus, dabei aber nie erregt, nie aufgewühlt. So passen die Bilder grandios zur Szenerie, die, von kleinen Zimmern in überfüllten Wohnungen bis auf die breiten Straßen Leningrads, stets bedrückend, meist bedrohlich wirkt.

Zwischen der Arbeit mit Kriegsverletzten im Krankenhaus und der völligen Abwesenheit von privatem Raum, wächst in Masha ein nachvollziehbarer Wunsch: Sie will Leben in sich spüren. Weil sie jedoch aufgrund einer Verletzung unfruchtbar ist, soll Iya, die ihr ein Kind nahm, nun ein neues gebären. Macht, Gewalt und Abhängigkeit verwirren sich zu einer Abwärtsspirale, Ausgang unbekannt. Beinahe überfordernd wirkt es dann, wenn all dem plötzlich Liebe, Geborgenheit und Freude gegenüberstehen.

In „Dylda“ vermischen sich die Gegensätze. Szenen der Melancholie sind in farbenprächtigen, malerischen Bildern gefangen. Akte der Demut enden in Oppression. Schönes wird begleitet vom Hässlichen, Momente, in denen sich Menschen menschlich zeigen, enden in Abneigung. Balagow wechselt zwischen den Extremen, so scheint es, mühelos, teils mehrfach innerhalb weniger Sekunden. Als Zuschauer wartet man so oft auf das Unvermeidbare, auf etwas Abschließendes, gewissermaßen Erlösendes. Etwas, das den Figuren hilft, nach vorne zu kommen. Umso leichter vergisst man dabei, dass nach vorne zu kommen in dieser Geschichte keine Bedeutung mehr hat – Iya und Masha wollen nur weiterleben, überleben, wieder leben. „Dylda“ ist mehr Momentaufnahme als Anfang und Ende – durch ihren kompakten Erzählfluss, der beeindrucken Szenerie und den famosen Darstellern aber eine, die es sich unbedingt anzuschauen lohnt.