(c) goEast Filmfestival 2019
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[1]  Von einem Jan Kohlhaas

An den Ufern der estländischen Küste strandet im achtzehnten Jahrhundert der vermeintliche Doktor Jaan Niemand, ein Mann mit Gedächtnisverlust, einer der warmherzigsten und zugleich entsetzlichsten Menschen seiner Zeit. Kaur Kokk spinnt seine Geschichte, die zehn Jahre nach dem Großen Nordischen Krieg spielt, um diesen mysteriösen Jaan Niemand. Dabei besinnt er sich auf einer der großen Stärken des Mediums Film: die Macht der Bilder. Bilder, die zwar schlicht sind, aber eine einzigartige symbolische Kraft besitzen, wie der wiederholte, verschwommen dargestellte Blick von Jaan Niemand durch ein Fensterglas, dergestalt daß, die Kamera zum eigentlichen Star des Films avanciert.
Der Baron, der nie herausgefunden hat, wie sein Sohn Albert, der seit einem von fünf Reitern begangenen Überfall, bei dem seine Mutter ums Leben gekommen ist, kein Wort mehr spricht, geheilt werden kann, bittet Jaan Niemand Albert zu untersuchen. Aber auch er kann dem Jungen nicht helfen. Überhaupt ist der Überfall das zentrale Ereignis. Die Reiter stellen eine ständige, meist unsichtbare Bedrohung dar, die, wie die vier Reiter der Apokalypse, den Untergang verkünden.
Plötzlich ein Stilbruch. Ein Stilbruch, der in der Wiederauferstehung einer toten Magd seinen Initialpunkt hat, gegen Ende des Films, für den es keine Erklärung gibt.
Ein Niemand ist der Protagonist nicht. Der Hauptcharakter, der ahnt, dass er einer der fünf Reiter ist, frägt die Magd, ob sie ihn schonmal gesehen hat. Sie bejaht. „Wo?“– „Tief unten in der Dunkelheit.“ – „Wieso war ich dort?“ – „Wegen deiner Sünden.“ – „Welche Sünden?“ – „Eine Sünde ist eine Sünde.“ Kokk zeigt mit solch seltenen Dialogen, dass ein Film auch ohne viele Worte auskommen kann, diese gerade deshalb aber umso stärker wirken können. Denn bis zu diesem Zeitpunkt war der Protagonist ein guter Mensch, der allen helfen wollte, so gut er kann, seine Vergangenheit aber macht ihn zum Räuber und Mörder.
Hier endigt die Geschichte vom Jaan Niemand. THE RIDDLE OF JAAN NIEMAND ist ein Film, dessen langsamer Erzählstil nicht bei jedem Zuschauer gut ankommen wird, sowie der Stilbruch für Verwirrung sorgt. Vom Film aber bleibt die Reise, durch die Kokk den Zuschauer mit einer ruhigen, symbolisch starken Bildsprache führt.

Domenico Colucci

 

[2]  Ein Alphabet

A wie Apokalypse. Die Sintflut, die Apokalyptischen Reiter, die Offenbarung. Kommt die Apokalypse oder ist sie vielleicht schon geschehen?
B wie Buch. Geschrieben von Kaur Kokk.
C wie Christentum. Siehe auch  A. Zudem: Kreuz, Jairus Tochter.
D wie Doktor. Jaan Niemand ist ein Arzt. Aber ist der Fremde auch Jaan Niemand?
E wie Ergotismus. Göttliche Eingebungen oder doch nur eine Mykotoxikose?
F wie Feuer. Die einzige Quelle von Rot und Orange in einem Film, der sonst nur braun, grau und blau ist.
G wie Gemeinschaft. Die eingeschworene Gemeinde des Dorfs gegen den Baron.
H wie Historienfilm. Der Film spielt im 18. Jahrhundert.
I wie Identität. Wer ist der Fremde? Wer sind die Reiter? Wer tötete die Baroness?
J wie Jaan Niemand. Wer ist Jaan Niemand?
K wie Kälte. Ist den Figuren jemals warm?
L wie langsam. Lange Einstellungen, langsam erzählt.
M wie Mord. Wer tötete die Baroness?
N wie Nacht. Seltsame Dinge geschehen in der Nacht.
O wie Opfer. Irdische Dinge müssen geopfert werden, um ins Himmelreich zu kommen.
P wie Produktion: Katrin Kissa
R wie Regie: Kaur Kokk. Siehe auch  B.
S wie Strand. Hier wird ein Fremder gefunden.
T wie Tod. Die Baroness, der Baron. Eia? Tiidrik? Jaan? Überlebt überhaupt irgendjemand?
U wie Unheimlich. Bedrückend, undurchdringlich, unheimlich ist die Atmosphäre des Films.
V wie Visionen. Was sieht Eia?
W wie Wahnsinn. Siehe auch  E. Es ist schwer zu entscheiden, wer hier wahnsinnig und wer klar ist.
X wie ein Kreuz. Das Schlussbild des Films.
Z wie Zweitausend und Achtzehn. Das Erscheinungsjahr des Films.

Franziska Pohl

 

[3]  Im Chat

Und? Mal wieder nen guten Film gesehen?

Hmmh … hab letztens einen Film aus Estland gesehen, der mir ziemlich gut gefallen hat. THE RIDDLE OF JAAN NIEMAND hieß der.

Oke, worum ging’s?

Naja, der Film fängt damit an, dass ein paar estländische Bauern einen Typen am Strand finden. Der kann sich aber nicht mal daran erinnern wer er ist. Als dann ein Doktorenkoffer angeschwemmt wird, nehmen alle einfach an, dass er der dazugehörige Doktor ist … kann das Dorf in dem er gelandet ist aber auch wirklich gebrauchen. Die sind alle ziemlich angeschlagen vom Krieg. Spielt wohl irgendwann im 18. Jahrhundert.

Also geht’s darum, dass dieser Typ raus findet wer er ist? Sehenswert?

Ja, darum geht’s. Aber viel interessanter als die Story, ist die Atmosphäre die der Film schafft. Du weißt ja wie sehr ich es liebe, wenn ein Film viel Wert auf Bildkompositionen legt. Ganz oft werden herrlich symmetrische Aufnahmen dieser trüben Landschaft gezeigt. Der Bildebene wird auch eine große Bedeutung zugesprochen. Die Dinge die durch Dialoge nicht viel Sinn zu machen scheinen, werden durch Bilder bestätigt und Metaphern entstehen. Da gibt’s zum Beispiel eine, die eigentlich tot war. Und jetzt hat Sie irgendwelche Höllen-Visionen und spricht von einer Flut, die kommen wird. Außerdem wird das Dorf von seltsamen „schwarzen Reitern“ bedroht … hat irgendwie was von Apokalypse, aber k.A. was das mit diesem Typ zu tun hat …

Klingt irgendwie wirr.

Ja schon, aber wenn es dann allmählich anfängt zu regnen, die Pfützen immer größer werden, das Dorf sich auflehnt und alles zu eskalieren droht, erkennt man Metaphern. Gibt dem Ganzen eine innere Konsistenz. Außerdem ist er einfach herrlich düster-atmosphärisch und man merkt wie viel Liebe zum Detail da drin steckt. Ich könnte mich jedenfalls ewig von diesen tollen Aufnahmen und den rauchigen Männerstimmen berieseln lassen, selbst wenn die Story gar kein Sinn machen würde. Aber am Ende ist es ja doch ne runde Sache. Will dich aber nicht spoilern.

LOL, mach ruhig.

Janina Pickel

[4]  Albert – Innerer Monolog, erstes Treffen auf „Jaan“

Er beugte sich zu mir hinab und betrachtete mich. Sein Blick war durchdringend, fragend, suchend. Die Art von Blick, die jemand mit einem Geheimnis nicht gerne über sich ergehen lässt. Ich wusste nicht, was seine Frage war, aber dass er eine hatte, war mir sofort klar. Obwohl er etwas Unangenehmes an sich hatte, konnte ich meinen eigenen Blick nicht von ihm abwenden. Denn da war noch etwas anderes – nicht nur Wissbegierde, nein, sondern auch Angst.

Etwas an ihm kam mir bekannt vor, als hätten wir uns schon mal getroffen. Oder als hätten wir dieselbe Angst. All diese Gedanken strömten im Bruchteil einer Sekunde über mich hinweg, doch sie auszusprechen oder ihn etwas zu fragen, war zu gefährlich. Also blieb ich still. Auch er sagte nichts und so sahen wir uns weiterhin nur an.

Und obwohl ich nie jemandem von den wahren Geschehnissen dieser Nacht erzählt hatte, schien er mich zu verstehen und meine Gefühle zu teilen. Die Angst, die Trauer… die Verlockung. Wusste er, was passiert war? Was ich gesehen hatte, getan hatte? Nein, dann wäre sein Blick ein anderer. Er hätte Angst vor mir, aber in seinen Augen sah ich nur die Angst vor etwas anderem. Nur wovor? Und warum war er hier? Welche Antworten suchte er? Nicht nur über diese Nacht. Er hatte noch mehr Fragen mit noch weniger Antworten. Antworten, die ich ihm nicht geben durfte, nicht geben konnte. Nicht nur über diese Nacht, sondern über mich selbst, über ihn selbst. Darüber wer wir waren, was wir waren. Wieviel wusste er? Nicht zu viel, sonst wäre er nicht so ruhig. Niemand, der alles wüsste, wäre so ruhig. Also war ich noch sicher. Also war er noch sicher. Also konnte ich ihn gehen lassen. Nur hoffentlich würde sie das auch tun.

Daniel Ugurel

 

THE RIDDLE OF JAAN NIEMAND
(PÕRGU JAAN)

Kaur Kokk
Estland 2018
105 Min

THE RIDDLE OF JAAN NIEMAND läuft im Wettbewerb des 19. goEast Filmfestival des mittel- und osteuropäischen Films in Wiesbaden.

Termine:
Sonntag, 14.04.2019, 20:00 Uhr, Caligari FilmBühne
Montag, 15.04.2019, 16:00 Uhr, Museum Wiesbaden
Mittwoch, 17.04.2019, 20:30 Uhr, Deutsches Filmmuseum Frankfurt