(c) goEast Filmfestival
FacebookTwitterBlogger PostGoogle Gmail

Träume zwischen Plattenbauten

Kiew heute. Trostlose, alles verschlingende Häuserschluchten, verdreckte Straßen, Geldsorgen, Kinder die vor Freude kreischen, und die Magie von Seifenblasen.
Auf einem vorbeifahrenden Truck prangt in fröhlich-bunten Lettern Werbung für ein ausländisches Bier. Doch es ist bereits im selben Moment fraglich, ob einer der Personen, die hier zu sehen sind, je das Vergnügen vergönnt sein wird, etwas fernab der heimischen Plattenbauten zu trinken.

Alina ist erst 20, hat aber schon Erfahrungen für die doppelte Anzahl an Lebensjahren gemacht. Nach dem plötzlichen Tod ihrer kleinkriminellen Mutter und konfrontiert mit der Nutzlosigkeit des alkoholkranken Stiefvaters, ist es nun an Alina für ihre jüngeren Halbgeschwister zu sorgen. Der Wunsch den Kindern ein Stück unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen, die Alina selbst nicht hatte, gelingt ihr überraschend gut- zulasten jedoch ihrer eigenen Zufluchtsstätte: Alina steht vor einer aussichtsreichen Karriere als Fußballerin und hat den ehrgeizigen Anspruch, eines Tages für die ukrainische Frauenbußballnationalmannschaft zu spielen. Dieser Traum verliert immer mehr an Bedeutung angesichts des übermächtigen Drucks vor allem abseits des Platzes nicht versagen zu dürfen. Hier wird die Motivationsansprache von Alinas Fußballtrainerin zum sprichwörtlichen Wegweiser des Films: „When it is easy everyone feels great and beautiful. But when it is hard and you have no energy today but you must… That is when real footballers are born“.

HOME GAMES ist das Portrait einer jungen Frau, die ungefragt von ihrem Weg in die Unabhängigkeit in die Rolle einer alleinerziehenden Mutter gerissen wird. Ihr Pragmatismus und ihr Durchsetzungswille sind gepaart mit Unbeschwertheit, Wärme und einer unerschütterlichen Liebe, die sie durch ihre Geschwister erfährt. Kummer und Angst gewinnen so in Alinas Welt nie die Oberhand.

Lara Hanuscheck

 

Fußball als Fluchtweg

Mit dreizehn Jahren habe ich angefangen Fußball zu spielen, als Hobby. Vergleiche ich dies nun mit Alina, fällt mir auf, wie unwichtig meine eigenen Probleme im Vergleich sind und was Sport für einen bedeuten kann. Während Fußball für mich einfach nur Spaß war, ist es für Alina weitaus mehr: Hoffnung, Ablenkung, Leidenschaft. Für mich war Fußball etwas Alltägliches; etwas, das ich gemacht habe, ohne darüber nachzudenken. Für Alina ist es ein Fluchtweg aus dem Alltag. Wenn ich keine Lust hatte, bin ich nicht gegangen. Wenn Alina nicht zum Training geht, steht für sie die Verwirklichung ihres Lebenstraums auf dem Spiel und damit die Chance auf ein besseres Leben.

HOME GAMES ist ein Film, der zeigt, dass Träume verwirklicht werden können, auch wenn alles dagegenspricht. Der zeigt, was Fußball eben auch sein kann – die Möglichkeit, trotzdem Momente der Unbeschwertheit zu erleben, auch wenn das Leben von Schicksalsschlägen und Problemen gezeichnet ist.

Durch die aktive Teilnahme der Kamera an den unterschiedlichen Ereignissen aus Alinas Leben wird trotz der beobachtenden Distanz eine Nähe zwischen Zuschauer*innen und Alina geschaffen. Das schafft zum einen eine Intimität und vermittelt zum anderen die besondere Nähe zwischen Alina und der Regisseurin.

Home Games ist ein trauriger Film, der jedoch vor allem durch Alinas liebevolle Art und die Leichtigkeit der Kinder voller Licht und Hoffnung ist.

Lea Hirschmann

 

Selbst noch ein Kind

Selbst noch ein Kind, mit einem großen Traum.
Ob der Absprung gelingt, man glaubt es kaum.

Die Eltern, kriminell und nie zu Haus,
Passt sie auf ihre Geschwister auf.
Kommst du heut nach Hause, Dad?
Oder trinkst du wieder Wodka bis spät?

Aufgetragene Sachen nähen,
Mit den Kindern zur Einschulung gehen.
Leihst du mir bitte Geld?
Weil das Leben schwerfällt.

Die Worte vom Trainer sind hart
Doch sie sind ein guter Rat
Hart arbeiten, um wie normale Leute zu leben
Danach werden wir streben.

My Dream –
The National Team
Cinderellas goldener Fußballschuh
Davon handelt diese Doku.

Paula Jungklaus

 

Brief an die tote Mutter

Liebe Mutter,
seit du gegangen bist, hat sich hier einiges verändert. Es ist für mich noch schwerer geworden, an meiner Fußballkarriere zu arbeiten und mich gleichzeitig um Renat und Regina zu kümmern. Ich kann nicht immer zu Hause sein aber ich gebe alles dafür, dass sie zur Schule gehen können. Zum Glück haben wir noch Oma. Papa war leider keine große Hilfe, du weißt ja wie er ist. Oft kam er betrunken nach Hause und hat Regina geschlagen, er ließ mich außerdem alles machen und kümmert sich um nichts. Oma sagt, er lebe wie ein Vagabund. Auch um die Rechnungen müssen Oma und ich uns alleine kümmern. Ich bin jetzt Vater und Mutter in einem für die beiden und das ist ziemlich anstrengend. Ich möchte Ihnen ein besseres Leben ermöglichen und muss dafür viel arbeiten. Zum Glück habe ich noch Nadya, die mich immer unterstützt und mir so viel hilft, obwohl es doch gar nicht ihre Familie ist, um die sie sich kümmern muss. Was würde ich nur ohne sie und Oma machen! Du weißt, dass es immer mein Traum war in der Nationalmannschaft Fußball zu spielen und dass ich hart dafür gekämpft habe. Ich habe Renat und Regina sogar mit in mein Trainingscamp genommen, um für sie da sein zu können, bei Vater wollte ich sie nicht lassen. Doch es gibt auch gute Nachrichten, wir haben nun mit einer sozialen Organisation gesprochen, die uns finanziell unterstützt und uns hilft, das Sorgerecht für die beiden zu bekommen. Wir konnten unsere Wohnung jetzt ein bisschen renovieren. Dadurch kann ich mich jetzt außerdem wieder mehr aufs Fußball spielen konzentrieren und stell dir vor, ich darf tatsächlich nächstes Jahr für die Nationalmannschaft spielen! Auch er ist jetzt endlich ausgezogen.
Liebe Mutter, ich weiß, auch für dich war es nicht immer leicht, ich möchte dir deshalb trotzdem danken. Dafür, dass du mir zwei wunderbare Geschwister geschenkt hast, die mein Leben so viel lebenswerter gemacht haben. Sie sind mein täglicher Antrieb und zeigen mir immer wieder, wofür ich täglich kämpfe. Wenn ich abends in ihre lächelnden Gesichter blicke, weiß ich, dass sie die Anstrengungen wert waren. Ohne sie hätte ich es vielleicht nicht geschafft, meine Träume zu verwirklichen. Wir vermissen dich sehr und denken oft an dich.

In Liebe,
Alina

Lena Pressler

 

HOME GAMES
(DOMASHNI IGRI)
Alisa Kovalenko
Ukraine, Frankreich, Polen 2018
86 Min

HOME GAMES läuft im Wettbewerb des 19. goEast Filmfestival des mittel- und osteuropäischen Films in Wiesbaden

Termine:
Montag, 15.04.2019, 16:00 Uhr, Caligari FilmBühne
Dienstag, 16.04.2019, 18:00 Uhr, Museum Wiesbaden