(c)  goEast Filmfestival 2019
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[1]  Der Mensch im Tier

Zwei Höcker auf der Stirn des Säuglings. Deer Boy – Hirschknabe, oder aber: braver Junge? Zwei Gegensätze in einem Titel, in einem Haus. Mutter und Vater – sie liebevoll, er rigoros. Sie Chaos, er Ordnung, Es und Über-Ich, Dionysos und Apoll. Mechanisch kurbelt er den Fleischwolf, sie leckt den Teller sauber, das Bild springt, die Impulse wabern. Inmitten des Nebels dieser düsteren Heide: der Hirschknabe am Wasserloch. Gierig sticht die Zunge in den Teich. Vor dem Zubettgehen aber: Geweih putzen nicht vergessen. Bis das Knirschen der Säge des Vaters diesen lebenden Widerspruch zurechtstutzt, unerträglich präsent. Das Knirschen kommt wieder, diesmal von einer Feile, der gealterte Nur-noch-Knabe hält sich nun selbst brav. Schießen mit Papa, eine zarte Backpfeife zur Belohnung des Treffers. Der Junge lacht. Noch leben die Ziele aber nicht. Zuhause wird Vaters Beute zerlegt. Knackend spaltet sich das Fleisch. Die Mutter im Dunkeln, ihre Liebkosungen unerwidert. Und immer wieder Hirsche im Nebel. Bis sie sich im Fernrohr des Gewehres spiegeln. Der Junge schießt. Totes Wild, der Vater stolz. Er schießt erneut. Was stirbt? Ein Wunsch? Ein Zwang? Der brave Junge, erlegt vom Hirschmann.

Max Schäffer

 

[2]  Ein widerständig queerer Hirsch

Eine gehetzte Herde Wildtiere, eine Frau in den Wehen, der Knall wie aus einem Großkaliber, die Ultraschall-Schemen eines Ungeborenen: Mit dieser diabolischen Kollage eröffnet DEER BOY. Wenn auf das Ereignis der Geburt die Ansicht einer Hack-Masse folgt, die sich aus den Poren eines Fleischwolfs herauswindet, erscheint das zynisch, provoziert Affekte des Ekels. Was sich hier aus dem Geburtskanal schiebt hat paradoxerweise abgelebt, ist tot. Die poetische Schlagkraft dieses surrealen Auftakts zieht sich parabolisch durch das 15-minütige Filmwerk. Da erkennt ein heranwachsender Mann im Fadenkreuz des Jagdvisiers den Anblick seiner eigenen Natur. Das Moment des Erlegens des imposanten Hirschbocks wird zum Moment der Introspektion. Wie paralysiert lässt der Sohn die Kastration durch den Vater ergehen, wenn jener ihm das Geweih zurückstutzt, das ihm aus dem Schädel wächst. Was im Film mit der Stunde der Menschwerdung beginnt, liest sich im weiteren Verlauf als von der Utopie der Individuation in einem hochgradig restriktiven Lebensumfeld. Doch in dem maliziös inszenierten Treiben keimt ein hoffnungsverheißender Augenblick: Die Widerständigkeit des Queeren gegenüber dem Fetisch vulgärer Eindeutigkeit siegt symbolisch mit dem scheinbar immer neu nachwachsenden Geweihs. DEER BOY aktiviert Elemente von Fantasy und Horror und zeigt darüber hinaus eine atmosphärische Tragödie, die von den Nöten des Erwachsenwerden erzählt.

Phillip Rachel

 

[3]  Eine Jagdkritik oder der tägliche Kampf eines Jägers?

Man kann nicht genau sagen, was die Botschaft dieses Filmes ist. Auf jeden Fall dreht er sich um die Moralfrage des Tötens eines Tieres. Eine Lesart kann sein, dass die Jagd als die Urform der Fleischbeschaffung kritisiert wird. Sozusagen als Beginn allen Übels, was den Menschen zum Fleischfresser gemacht hat. Sie wird nicht, wie sonst oft üblich, romantisiert, sondern routiniert dargestellt. Ihr haftet nichts Gefühlvolles an. Eintönig, gefühlskalt und fast schon maschinell wird hier der Jagd Alltag gezeichnet. Der Protagonist, halb Hirsch, halb Mensch, wird hart erzogen und fast wie ein (Raub-)Tier darauf abgerichtet, zu töten. Sein tierisches Ich wird ihm dabei aber ausgetrieben, indem das Geweih, mit welchem er geboren wurde, immer wieder abgesägt wird. Im Laufe des Filmes fühlt dieser sich aber immer mehr zu “seinesgleichen” hingezogen. Er wird in Traumsequenzen halbnackt bei Hirschrudeln gezeigt. Schüsse allgemein, besonders aber auf “seinesgleichen” stellen für ihn eine enorme Überwindung dar.
Der Zuschauer kann den Film aber auch als täglichen Kampf eines Jägers lesen. Auf die Jagd, als Urform und natürlichste bzw. ethischste Form der Fleischgewinnung in einer Welt der Massentierhaltung, wo der Konsument keinerlei Verbindung zu dem Lebewesen hat, wird aufmerksam gemacht. Heute möchten viele Menschen zwar Fleisch essen, sie möchten aber nicht wissen, wo es herkommt und würden sich niemals mit “Tiermördern” identifizieren. Der Jäger ist derjenige, der den Wald und das Wild am besten kennt, er beobachtet und studiert es jeden Tag. Er baut eine Verbindung zu den Tieren auf. Es kann extrem schwierig sein, genau dann eines von ihnen auszuwählen und aus dem natürlichen Kreislauf herauszunehmen. Nur wer sich bewusst damit auseinandersetzen will, kann überhaupt Jäger werden. Nach dem Schuss muss der Jäger mit allen Sinnen das Ergebnis dessen erfahren: Er hört und sieht nicht nur den Todesmoment des Tieres, sondern fühlt, riecht und schmeckt das Fleisch bei der Verarbeitung danach. Er kann als einziger beurteilen und wertschätzen, was Fleisch als Nahrungsmittel überhaupt ist. Wer all das nicht kann und auf sich nehmen würde, der sollte darüber nachdenken, auf Fleisch zu verzichten.

Philipp Karbach

 

DEER BOY
Katarzyna Gondek
Polen, Belgien, Kroatien 2017
15 Min

DEER BOY läuft als Teil der “Anarcho Shorts” beim 19. goEast Filmfestival des mittel- und osteuropäischen Films in Wiesbaden.

Termin:
Sonntag, 14.04.2019, 16:30 Uhr – Festivalzentrum