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„Glauben und Politik soll man nicht anfangen, da wird man nicht fertig.“ Wie viel Wahrheit in dieser salopp formulierten Ansicht eines älteren Bewohners des unterfränkischen Ortes Seinsheim steckt, das zu beurteilen überlässt Moritz Siebert in seinem Dokumentarfilm „Erntehelfer“ getrost dem Zuschauer. Er zeigt uns das traditions- und religionsgeprägte Dorf, wie es sonst nur ein Kind tun könnte. Oder einer, der von all den Gepflogenheiten und Bräuchen, ja der Mentalität dort nicht die geringste Ahnung hat, wie es bei Cyriac Chittukalam der Fall ist. Als junger indischer Priester wurde er geschickt, um die katholische Gemeinde zu betreuen und den alternden Pfarrer zu unterstützen, möglicherweise abzulösen.

Ein knappes Jahr lang lässt uns Siebert an dem Unterfangen teilhaben, wie sich der Exot unter Exoten mischt. Leicht kann das nicht sein. Bei seinen Aufgaben als Priester lernt er einen Ort kennen, in dem ältere Menschen den Großteil ihrer Zeit allein verbringen, in dem Blasmusik bei der Beerdigung gespielt wird, in dem Jugendliche und Kinder selten zu sehen sind. Hinzu kommt die oft unbeholfen wirkende Unterstützung, die ihm von den Gemeindemitgliedern entgegengebracht wird. Wegen der Kutte, die nicht so recht passen will, wird ihm von einer Gemeindehelferin „Kleinwüchsigkeit“ attestiert. Eher einer missglückten Wortwahl geschuldet, das merkt man zwar. Doch es fehlt das nötige Fingerspitzengefühl, um einen Vogel in eine Maulwurfshöhle zu integrieren, oder eben einen Inder in das katholische Dorfleben im bayrischen Hinterland.

Die Offensichtlichkeit seiner Probleme bei der Mission, auf welche ihn „sein Bischof geschickt hatte“, lässt einen nicht in der Rolle des Zuschauers verharren. Das Bedürfnis kommt auf, beiden so verschiedenen Seiten bei der Annäherung zur Hand zu gehen. Den Leuten im Dorf möchte man die Andersartigkeit des Mannes und seiner Kultur nahebringen, damit sie darauf Rücksicht nehmen können. Und Cyriac möchte man die Sätze erklären und übersetzen, die im Gespräch wie Mauern zwischen ihm und den Gemeindebürgern stehen. Seine Deutschprobleme und der ausgeprägte Dialekt im Dorf erlauben es ihm nur selten, über diese Mauern zu blicken, meistens jedoch flüchtet er sich in ein wohlwollendes Lächeln. „Ich sag einfach nicht so viel, dann geht das schon“, erklärt er seiner Mutter am Telefon. Für ein längeres Gespräch mit ihr bleibt aber keine Zeit. Das Telefonat würde zu teuer werden, der schlechten Internetverbindung hier geschuldet.

Cyriac bleibt oft genauso Beobachter, wie der Regisseur und der Zuschauer, obwohl das Gegenteil seine Mission sein sollte. Einer der Gespräche sucht und Beistand leistet, sollte er sein, oder nach Ansicht der katholischen Kirche ein Hüter seiner Schafe. Dies weiß er, versucht es zu sein, und zehrt dabei von seinem authentischen Glauben. Bei ausbleibendem Regen segnet er die Weinfelder, will helfen. Ihm fehlt aber sichtlich die Bindung, die Beziehung zu seinen Gemeindemitgliedern, auch zu seinen Mentor, dem früheren Priester im Ort. Am besten gelingt es ihm bei den Alten, denen er die Krankenkommunion bringt und dabei das Gespräch mit ihnen sucht. Er ist ein Schwamm für deren Probleme, ist ihnen jemand zum Reden, ein Seelsorger.

Diesen Gesprächen widmet Siebert einen großen Teil des Films. Zurecht, wie man feststellen wird. Denn das sind Menschen, die dem Film große Lebenserfahrung und Weisheit einhauchen. „Es gibt jetzt die Nato, wenn da einer einem was tut, dann kommen die anderen gleich zu Hilfe, das ist viel wert“. So äußert sich eine ältere Dame zu Politik. Mal nachdenklich, mal praktisch gedacht, sind es Themen wie die Auferstehung, die Ernte und das Wetter, die diese Gespräche ausmanchen. Man ist eben oft allein, die Jüngeren sind immer arbeiten und Geld verdienen.

Cyriac findet das „schlimm“, es ist ihm aus seiner indischen Kultur unbekannt. Durch die Augen und mit dem Gespür eines Fremden, unbelastet und naiv, lässt uns Moritz Siebert auf all dieses schauen. Er eröffnet uns einen Blick, der Fragen aufwirft, über die Prioritäten unseres täglichen Zusammenlebens beispielsweise. Oder über die Kirche, deren Struktur und den Glauben. Moritz Siebert schafft es auf ganz besondere Weise, mit dieser feinfühligen Dokumentation einen Anstoß zu geben. Einen Anstoß, eben doch über Glaube und Politik, auch über Kirchenpolitik, nachzudenken und zu diskutieren, auch wenn man da nicht fertig wird.