© Nippon Connection 2016
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Animes?, drängt sich in meinem Kopf die Frage auf. Das sind doch diese Kinderfilme aus Japan. Die irgendwelche pubertierenden Leute dazu verleiten, viel zu viel Zeit und Geld zu investieren, um auf obskuren Conventions mit Gleichgesinnten ihrer Leidenschaft für Cosplay zu frönen, in der stetigen Hoffnung darauf, in maßgeschneiderten Kostümen möglichst wie ihre Anime und Manga-Helden zu wirken.

Trotz vieler gesehener Filme aus aller Herren Länder und Genre muss ich mir eingestehen, noch keinen einzigen Animefilm gesehen zu haben. Zwar sind mir die berühmte japanische Zeichentrickfilmproduktionsfirma Studio Ghibli und ihre vielgerühmten Klassiker wie PRINZESSIN MONONOKE, CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND und DIE LETZTEN GLÜHWÜRMCHEN ein Begriff, gesehen habe ich sie aber noch nie. Warum? Insgeheim hege ich den Verdacht, dass meine Abneigung ein Resultat der traumatischen Erfahrungen ist, die ich durch mein langjährige Lieblingskindheitsserie DETEKTIV CONAN erlitt. Jahrelang hatte ich Angst vor der Mörderfigur, von der man meist nur die weißen Augen sah …

Welcher Gedanke liegt also näher, als sich meinem Trauma auf dem größten japanischen Filmfestival, der Nippon Connection in Frankfurt, zu stellen? Und dann auch noch mit ERINNERUNGEN AN MARNIE, dem allerletzten Film von Studio Ghibli, zu beginnen?

Da dieser auch von traumatischen Kindheitserfahrungen handelt, ist der Aspekt der Charakteridentifikation schon mal gegeben. Es geht nämlich um die zwölfjährige Anna, welche als Kind von ihren Eltern verlassen wurde und sich bei ihrer neuen Pflegefamilie ungeliebt fühlt. Zudem leidet sie unter Asthma, weshalb Pflegemutter Yoriko sie von der Großstadt zu Verwandten aufs Land schickt. Dort angekommen, wird sie von einer enigmatischen, alleinstehenden Villa angezogen, wo sie die gleichaltrige Marnie kennenlernt. Diese wirkt durch ihre blonden Haare und ihr fröhliches Gemüt wie das optische und charakterliche Gegenstück zur einsamen, introvertierten, sich selbst hassenden Anna. Schnell entwickelt sich ein enge Freundschaft zwischen beiden und das unglückliche Großstadtmädchen scheint ihr Lebensglück in diesen Momenten wiederzufinden. Bis Marnie plötzlich verschwunden ist und Anna sich die Frage stellen muss, ob ihre neue beste Freundin überhaupt existiert …

Was als ruhiges Drama mit wunderschönen, detailgenau animierten Landschaftsaufnahmen beginnt, entwickelt sich im weiteren Verlauf zum filmischen Vexierspiel, bei dem die Grenzen zwischen Traum und Realität verschwimmen. Regisseur Hiromasa Yonebayashis Film inszeniert die Küstenlandschaft des ländlichen Tokios derart farbenkräftig, dass man sich gerne jede einzelne Einstellung ausdrucken und an die Wand hängen möchte. Hinter den schwermütigen Bildern mit den ausdrucksstarken Farben stecken dabei gewichtige Themenkomplexe, welche sich erst im Laufe der Geschichte offenbaren: die Kraft von Träumen, Erinnerungen, Freundschaft und Selbstzufriedenheit. Erst der Schlusstwist offenbart uns rätselnden Zuschauern die genauen Dimensionen von Annas Verwandtschaftsverhältnissen und setzt die fragmentarischen Erinnerungen an ihre frühe Kindheit zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen.

Obwohl der Film manchmal ins Kitschige abdriftet und die ständigen Freundschaftsbekundungen von Anna und Marnie unliebsame Erinnerungen an Heidi (die ja nicht nur Pflege-, sondern sogar Waisenkind ist) und ihren besten Freund Geißenpeter wecken, funktioniert der Film sowohl als kindliche Charakterstudie wie auch als emotionales Drama mit Mystery-Elementen hervorragend. Spätestens wenn am Ende der extrem passende Themensong „Fine on the Outside“ von Pricilla Ahn erklingt, ist es sowieso um die meisten Zuschauer geschehen. Taschentücher werden im Publikum verteilt, neben mir verdrückt ein gestandener Familienvater heimlich Tränen. Sein Sohn, etwa so alt wie Protagonistin Anna, wirkt dagegen unbeeindruckt. Mit aufgesetzt cooler Miene meint er: „Ziemlich langweilig!“

Ich könnte jetzt mit einem hochtrabenden Schlusssatz enden, wie wichtig es ist, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und sich seinen Kindheitstraumata zu stellen. Stattdessen verbleibe ich mit der Frage, ob jemand einen guten Maßschneider in Frankfurt kennt. Ich frage selbstverständlich für einen Freund.

Benjamin Ansari

Gesehen bei der Nippon Connection 2016.