ALL ROADS LEAD TO AFRIN von Arina Adju
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Weinen ist erlaubt, aber bitte leise. Was sollen die Nachbar*innen sonst denken? Während wir im Fernsehen immer wieder Berichte über das kriegszerstörte Syrien sehen, erfahren wir durch den Film ALL ROADS LEAD TO AFRIN wie der Alltag in der Grenzregion zur Türkei in Afrin trotz katastrophaler Krisen weitergeführt wird und die Zivilgesellschaft vor Ort versucht Normen im Miteinander aufrechtzuerhalten.

Die Filmemacherin Arina Adju lebt bei ihrer Mutter in Russland und macht sich auf den Weg zu ihrer “verschollenen” zweiten Identität nach Syrien auf. Afrin ist ein Grenzgebiet zur Türkei, in dem eine kurdische Minderheit lebt und vom sogenannten Islamischen Staat bedroht ist. Diese Situation gehört mittlerweile zum Alltag in Afrin: „Don’t be afraid, this is Kurdistan“. Dort inmitten des Krieges wohnt auch Arinas Vater mit seiner neuen Familie. Eine Identitätssuche beginnt, die zwischen autobiografischem Material innerhalb der Vater-Tochter-Beziehung auch Einblicke in ein gespaltenes, ambivalentes Land bietet. Der Dokumentarfilm zeigt den Alltag der Familie, lässt aber auch immer wieder die Konsequenzen eines Landes spürbar werden, in dem Krieg mittlerweile zum Alltag geworden ist.

Der Weg, den die Filmemacherin in ihrem Dokumentarfilmdebüt verfolgt, bleibt trotz des Titels ALL ROADS LEAD TO AFRIN für die Zuschauer*innen nicht ganz klar und vollkommen nachvollziehbar. Schade, denn das Thema hat an sich einen starken, zeitaktuellen und gesellschaftlichen Nährwert, bei dem jegliche negative Kritik fast unmöglich scheint.
Dennoch kommen mit jeder neuen Szene neue Fragen auf: In welche Richtung wird der Film gehen, und führen wirklich alle Wege nach Afrin? Wenn man im Kinosaal sitzt und durchweg überlegen muss, warum der Film in seinen einzelnen Szenen auf den ersten Blick zusammenhanglos zusammengeschnitten wurde, und man nicht erkennen kann, wohin die Geschichte eigentlich gehen möchte, kann das ziemlich frustrierend sein.

Was sich jedoch konstant durch den Film zieht, sind die Ambivalenzen und offenen Fragen, die sich hinter jedem Bild verstecken. Konstant lässt die Filmemacherin die Zuschauer*innen ohne Antworten zurück. Das beginnt mit teilweise viel zu langen Einstellungen, in denen wir am Anfang den Vater dabei beobachten können, wie er sich umzieht. Die Kamera fängt einen normalen Alltagsmoment ein, der dabei aber auch wieder die dunklen Schatten des Krieges zeigt, denn Arinas Vater verlor vor 7 Jahren im Krieg sein rechtes Bein und ist seither auf eine Hilfskrücke angewiesen. Es sind genau diese endlos wirkenden Szenen, die auf den ersten Blick belanglos und ermüdend wirken, während sie auf den zweiten Blick jedoch eine Thematik behandeln, die bedrückend wirkt: Weiterleben im Krieg und Weiterleben trotz Krieg. Nur wie? Dieses Suchen nach Inhalten und das Konstruieren einer zweiten, analytischen Sinnebene, die man unter dem Deckmantel des chaotischen Schnitts versucht zu finden, bleibt jedoch weiterhin unbefriedigt.

Man sieht die Konflikte des Landes und auch die der Filmemacherin. Vielleicht ist genau das der Schlüssel, um den Film verstehen zu können: die Ambivalenz der Filmemacherin, wie sie zu der neuen Familie ihres Vaters steht und zu ihm selbst; und auf der anderen Seite die Ambivalenz des Landes, gefangen zwischen Krieg und Überleben im Alltag, die Ambivalenz der Anordnung der Szenen und der Einstellungslängen. Was willkürlich wirkt, ist vielleicht genauso gemeint wie durchdacht. Vielleicht.

„Go with closed eyes, don’t know what to see“, schildert der Vater schon fast poetisch in einer dunklen Einstellung, in der wir nichts sehen außer dem Glimmen seiner Zigarette. Er ist Teil einer Gesellschaft, die nicht weiß, wie es in Syrien weitergehen soll. Er hat Familie und eine Verantwortung dieser gegenüber. Soll er das Land allein verlassen oder seine Familie mitnehmen? In dieser Szene spürt man das Unbehagen und die Ratlosigkeit der Menschen vor Ort. Wie kann man weiterhin in Syrien leben – trotz Krieg?

Dann sehen wir ein schwarzes Bild und können einem Dialog lauschen. Es sind die Stimmen Arinas und die ihres Vaters, die über die neue Familie ihres Vaters reden und die darauffolgende Suche nach Zugehörigkeitsgefühlen Arinas, dem Hin- und Hergerissensein zwischen dem Vater in Syrien und ihrer Mutter in Russland. Wer ist Arina, was ist ihre Identität?

Innerhalb dieses gespaltenen Landes leben Menschen, die trotz allem versuchen einen Alltag zu führen. In “sicheren” Ländern gibt es andere Probleme als in Kriegsgebieten, doch auch in einem Land wie Syrien, das täglich durch Explosionen erschüttert wird, herrschen ähnliche Probleme wie bei uns, zeigt uns der Film, und wenn es “nur” Familienprobleme sind.

An einer Stelle des Films weint Arina.„Make your tears quiet“, sagt der Vater zu ihr, damit sie niemand in der Nachbarschaft hört. Das Gerede der Anderen, das Verstecken der Tränen: auch im Kriegsland Syrien werden weiterhin gesellschaftliche Konventionen aufrechterhalten.

Es gibt einige solcher Szenen, die den Alltag der Menschen im Ausnahmezustand zeigt. „There is a hole here“, sehen wir ein kleines Mädchen sagen, die auf ihre Zahnlücke zeigt und mit einem Taschentuch die Wunde abtupft. Die Szene könnte auf der einen Seite repräsentativ für den Krieg stehen in ihrer Metaphorik der Lücken, Löcher und des Bluts. Auf der anderen Seite zeigt sie auch wieder das Banale eines Lebens und überhaupt ein junges Leben, das weitergeht.

Dennoch bleibt am Ende ein unentschiedener Film, aber immerhin der Versuch der Filmemacherin, eine Realität der syrische Zivilgesellschaft abzubilden, die weiterhin ein normales Leben zu führen will. Vielleicht ist es ihr persönlicher Beitrag, den Menschen im Krieg einfach eine Stimme zu geben.

Von Britta Rotsch

VSE DOROGI VEDUT V AFRIN (ALLE WEGE FÜHREN NACH AFRIN) lief beim 17. 17. GoEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films als Teil des Dokumentarfilm-Wettbewerbs.