30_jahre
FacebookTwitterBlogger PostGoogle Gmail

Wer kennt diese Situation nicht? Dieses Gespräch, das ich gestern mit meinem besten Freund/meiner besten Freundin hatte, war ziemlich interessant, das hätte ich mal aufnehmen oder im Nachhinein aufschreiben sollen. Ja? Ich auch. Im Gegensatz zu uns hat Jan Peters das tatsächlich die letzten 30 Jahre getan. Nur, dass seine beste Freundin die Kamera war.

Das ist auch der Grund dafür, dass man nach dem Film „30 Jahre, aber den Sinn des Lebens habe ich immer noch nicht rausgefunden“ das Gefühl nicht los wird, Jan Peters ziemlich gut zu kennen. Er spricht direkt in die Kamera und scheint seine intimsten Gedanken und Probleme mit uns zu teilen.

Das hört sich wie die Facebook-Einträge oder der Youtube-Channel von XY an? Das kann schon sein, nur dass dieses filmische Tagebuch auf Super-8 gedreht wurde und schon im Jahr 1989 beginnt, also lange vor Facebook, Instagram, Twitter und Co.

Das Videotagebuch ist ein Experiment, welches beinhaltet, dass der Filmemacher jedes Jahr einen dreiminütigen Film aufnimmt, in dem er über sein Leben philosophiert. Als eines seiner Vorbilder nennt er die amerikanische Filmemacherin Anne Charlotte Robertson, welche durch ein auf Super-8-Film gedrehtes „Five Year Diary“ berühmt wurde, in dem sie unter anderem ihre Alkoholsucht, Armut und Depression thematisiert.

Der erste Film der noch nicht abgeschlossenen Reihe „Ich bin 24“ war ein Kameratest und somit ein Zufallsprodukt, welches nicht für Publikum bestimmt war. Auf einer Party zeigte er den Film dann eher zufällig ein paar Freunden. Bei diesem „Test-Screening“ stellte sich heraus, dass er mit seiner filmischen Miniatur einen Nerv getroffen hatte. Kurz darauf schickte er den Film bei Filmfestivals ein und bekam noch mehr positive Resonanz. Der Rest ist Geschichte, denn heute ist Jan Peters einer der ganz Großen in Deutschland, wenn es um Super-8-Film und experimentelles Kino geht.

In „Ich bin 24“ steht Jan Peters vor dem Filmplakat von Godards „Außer Atem“ und raucht sich die Seele aus dem Leib, während er über die Suche nach dem Gleichgewicht zwischen Ordnung und Chaos in seinem Zimmer wie auch in der Welt spricht. Schon in dieser ersten Miniatur geht es um die Verortung als Filmemacher und junger Mann, denn: „Alle Männer wollen Belmondo sein.“

Drei Jahre später, mit 27, konstatiert Jan Peters, dass er jetzt arbeitslos ist, und dass er deswegen über einen Mangel an monetären Mitteln, aber einen Reichtum an Zeit verfügt, und bezieht sich kurz darauf wieder auf Godard, indem er sagt: „Kino, das ist die Wahrheit 24 Mal in der Sekunde.“

Als 31-Jähriger ist er laut eigener Angabe jetzt auch im neoliberalistischen Zeitgeist angekommen, denn er ist selbstständig, und die Zeit rast gefühlt nur so dahin.

Dass die anekdotisch und mitunter ironisch anmutenden Assoziationsketten auch als Zeitdokument gelesen werden können, bemerkt man spätestens, als Jan Peters am 11.08.1999 die absolute Sonnenfinsternis in Deutschland dokumentiert, ein Jahrhundertereignis, denn auf die nächste Sonnenfinsternis müssen wir noch bis 2081 warten.

Er bombardiert uns auch in diesem Filmfragment mit einem Überschwall an Worten, die Methode, welche hier angewendet wird, ist die des assoziativen Sprechens. Über die Worte sagt er: „Mit dem Wort fängt das Problem an, denn das Wort Wasser macht ja erstmal nicht nass.“ Was hier thematisiert wird, ist der Wahrheitsgehalt von Worten im Unterschied zu Bildern.

Während der Sonnenfinsternis sieht man, wie das Licht verblasst, bis er komplett von der Dunkelheit verschluckt wird. Nun gibt es nur noch den Ton, über den man mit Jan Peters verbunden ist. Er sagt, dass er sich entschieden hat, diesen Film zum Zeitpunkt der Sonnenfinsternis zu drehen, da er gelesen hatte, dass die Indianer glauben, dass Sonne und Mond sich während dieses Ereignisses vereinigen, und um nicht in Versuchung zu kommen, bei diesem Geschlechtsakt zuzuschauen, steht er mit dem Rücken zur Sonne und blickt in die Kamera. Zum Schluss kommentiert er noch die Verschwörungstheorien, welche vor der Sonnenfinsternis kursierten, mit dem Satz: „Die Welt ist doch nicht untergegangen.“

Ein wiederkehrendes formales Element ist, dass die Kamera nicht funktioniert, und der Film nicht transportiert wird. Dieses spricht Jan Peters dann immer direkt an und versucht danach den Faden seiner Assoziationskette wieder aufzunehmen. Meist gelingt dies und gibt dem Ganzen noch mehr Glaubwürdigkeit. Die Fehler werden in die Erzählung integriert und nicht wegretuschiert, denn als One-Take kommen die Filme alle ohne Schnitt aus. Das produktive Nutzen und Einbauen von Fehlern als ein Element der Arbeit zu akzeptieren, ist eine von vielen Stärke, die diese Auseinandersetzung mit der Form des experimentellen Filmtagebuchs hat.

Diese kurzweiligen 90 Minuten habe ich gern mit dir verbracht, Jan! Aber eine Frage bleibt: Wie viel Wahrheit steckt hinter den vor laufender Kamera diskutierten und inszenierten Themen, Ereignissen und Gefühlen wirklich?