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Lian geht schnellen Fußes über die steinerne Brücke in der Mitte der Stadt. Grau in grau findet diese sich ein in die zur Ferne hin verblassende Landschaft, umrandet von nebelverhangenen Bergen, gesäumt von dicht wuchernden Wäldern, schmutzweißen Häuserfassaden und der steinernen Straße. Das Licht ist diffus und dämmerig. Begleitet wird diese Einstellung von treibenden, energetischen Trommelklängen, die dem Geschehen eine dynamische Rhythmik verleihen. Was wir sehen ist von einer bestechenden Ästhetik. Das Bild ist dabei gerahmt von einem zirkulärem Ausschnitt und bestimmt von einer starren Kamera, die die Bewegung auf die Protagonistin des Films I AM NOT MADAME BOVARY verlagert. Jede einzelne Einstellung wird auf diese Weise zum Gemälde.

Der chinesische Regisseur Feng Xiaogang bezieht seine Inspiration für den kreisförmigen Bildausschnitt aus der chinesischen Malerei der Song-Dynastie, die sich durch runde Bilder kennzeichnet. Zu Beginn des Films sehen wir einige dieser Werke und der Ausschnitt bleibt gleich, nur die Abbildung wird einer Transformation unterzogen. Das Bewegtbild ersetzt das starre Motiv und erweckt es dadurch zum Leben. Nie nutzt der Regisseur die ganze Leinwand, sondern beschneidet sie und spielt mit besonderen, immer starren Kadrierungen, die dem Film dafür eine seltene Wirkkraft und eine außergewöhnliche Tiefe geben.

Lian versucht ihre Scheinscheidung rückgängig zu machen und kämpft sich dafür im beachtlichen Zeitrahmen von insgesamt zehn Jahren von Instanz zu Instanz der chinesischen Gesetzgebung. Es ist eine kafkaeske Situation, geprägt von Irrungen und Hindernissen, übermächtigen Gegenspielern und unergründlichen systematischen Regeln, die man mit dem chinesischen Staatskomplex assoziieren kann und deshalb nicht als überspitzt ablehnen muss. Eine Frau bäumt sich auf und erhebt Anspruch auf Rechtsprechung. Doch es handelt sich hier nicht um eine Kampfansage des chinesischen Regisseurs an das eigene System, vielmehr um eine fast verständnisvolle Bestandsaufnahme der alltäglichen Begebenheiten. Er fängt die komplexen Ausprägungen der chinesischen Lebensrealität, die Verzahnung von Kultur, Tradition, Politik und Alltag eher charmant als wirklich humorvoll ein, auch wenn man immer wieder schmunzeln muss, zum Beispiel wenn Lian einen Freund nach dem anderen zu überreden versucht, eine lange Liste von Funktionären für sie zu töten. Die als typisch geltende Zurückhaltung manifestiert sich auf poetische Weise durch das Zusammenspiel filmischer Gestaltungsmöglichkeiten. Jede Einstellung ist geprägt von der Reminiszenz auf die Malerei.

Der Umgang mit Bewegung in Kombination mit dem kaum wandernden Bildausschnitt sorgt dafür, dass man sich besonders auf die Hintergründe konzentriert vor denen die Geschichte stattfindet. Es sind Szenen mitten aus dem chinesischen Alltag: volle Gassen, gemeinschaftliche Essenssituationen, reges Treiben auf dem Markt. Der Film lebt von der Stimmung, die er schafft, indem er Umgebungen und Details wie modernde Hausfassaden, hölzerne Interieurs, geschnitzte Fensterläden, Regen, der auf Steine tropft oder dampfende Schüsseln in gedeckten Farben und in sanftem Licht in den Mittelpunkt rückt.

Die Figuren aus I AM NOT MADAME BOVARY sind in ihrer Lebensrealität zutiefst menschlich dargestellt. Man folgt dem Kampf der Protagonistin gespannt, doch die emotionale Identifikation breitet sich auch auf ihre Widersacher aus, die Lian in diesem Quasi-Staatskrimi das Leben schwer machen.

Sowohl die grundlegende Geschichte einer Frau, die auf den korrupten Staatsapparat Chinas trifft als auch die Darstellung der Lian von Bingbing Fan, sowie die feinfühlige Behandlung (staats-)kritischer und gender-politischer Themen, machen den Film äußerst sehenswert. I AM NOT MADAME BOVARY gleicht einer Schneekugel, einem alten Amulett, das geöffnet wird oder -um es filmischer auszudrücken- einem Märchen aus einer Laterna Magica.

von Julia Pirzer

Gesehen beim LICHTER Filmfest Frankfurt International im internationalen Wettbewerb zum Thema „Wahrheit“
Wiederholung am Sonntag, den 02. April 2017 um 14:30 Uhr im Mousonturm.