Woman Without Mandolin Still
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Kunstwerke reflektieren oftmals bestehende, gesellschaftliche oder kunsthistorische Diskurse und etablieren auf diese Weise vielschichtige Referenzen zur außerbildlichen Wirklichkeit. In seinem Film WOMAN WITHOUT MANDOLIN aktualisiert der Künstler Fabiano Mixo das Konzept des Kubismus, indem er es in den Bereich des Bewegtbildes transponiert. In seinem vierminütigen, unter anderem auf 16 mm gedrehten Film, ist die Schauspielerin, Autorin und Regisseurin Miriam Goldschmidt in einer sich transformierenden Porträteinstellung zu sehen. Im Verlauf des Films wird ihr Gesicht bewegt, zersplittert und neu zusammengesetzt.

Zu Beginn von WOMAN WITHOUT MANDOLIN ist Goldschmidts Gesicht, die Zuschauenden mit schwerem Blick anblickend, zentral im Bildfeld positioniert. Nach etwa einer halben Minute beginnt sie ihren Kopf, der in ein rot-weißes Tuch gehüllt ist, zur Seite zu bewegen, und genau in diesem Moment setzt die Transformation des Bildes bzw. des Gesichts ein. Zunächst löst sich die linke von der rechten Gesichtshälfte, wird vergrößert und modifiziert. In den anschließenden, gleichmäßigen Bewegungen teilt sich das Bild – und somit das Gesicht – in geometrische, fortwährend oszillierende Formen.

Mixo verwendet Digitale Motion-Techniken, um verschiedene Perspektiven des Gesichts zeitgleich einzufangen. Interessanterweise entschließt er sich für ein digitales und analoges 16-mm-Mischprodukt. Durch die Verwendung von 16 mm und die Herausstellung des körnigen Filmes entscheidet er sich für ein verschwindendes Material, das nur noch von wenigen Vertrieben produziert wird und zum Teil schwer erhältlich ist. Hoch aufgelöste Bilder dominieren die Bilderwelt. Wer möchte schon eine körnige Darstellung sehen, wenn einzelne Aufnahmen realistischer als die Realität wirken können?

Die Reflexion des filmischen Materials wird in eine kunsthistorische Aktualisierung und einen Bezug zu Jean-Baptiste Camille Corot, George Braque und Pablo Picasso eingebettet. Corots Gemälde A GITAN WITH A MANDOLIN von 1874 zeigt eine Frau mit einer Mandoline und gleicht in der Farbigkeit – matte rote, braune und graue Töne dominieren – den Bildern Picassos und Braques. 1909 wurde Corots Gemälde in einer Werkschau im Salon d’Automne in Paris ausgestellt, wo Braque und Picasso das Bild sahen. Da die Werke außerdem eine ähnliche Komposition aufweisen, kann davon ausgegangen werden, dass beide Künstler von Corot beeinflusst waren. Sowohl Braques WOMEN WITH A MANDOLIN als auch Picassos GIRL WITH A MANDOLIN demonstrieren in kubistischer Manier die Vielschichtigkeit einer Frauenfigur. Mixos Übersetzung in ein Bewegbildformat verdeutlicht diese Komplexität. Zudem wird das Thema soziokulturelle Konstruktion von Weiblichkeit unter Gebrauch eines bestehenden Formvokabulars in einen zeitgenössischen Kontext gesetzt.

Wie der Titel WOMAN WITHOUT MANDOLIN verdeutlicht, wurde die bei Picasso und Braque stilgebende, einen Formbezug zum weiblichen Körper herstellende Mandoline entfernt. Mixo betont auf diese Weise die politische Komponente seines Werks. Das von Goldschmidt getragene Tuch sowie der Schmuck können als Verweis auf immer noch stattfindende objektivierende Darstellungsformen von Frauen und eines – als solchen bezeichneten – Orients gesehen werden. Durch die Referenz werden stereotype Darstellungen eines Orients und von Frauen als Objekte thematisiert und die politische, soziokulturelle Konstruktion von Herkunft und Hautfarbe hinterfragt. Die verschiedenen sich bewegenden Formen zeigen, wie schwer eine eindeutige Perspektive eingenommen werden kann und aus wie vielen Versatzstücken bereits eine Oberfläche bestehen kann.

Sabrina Kürzinger

Gesehen beim 9. LICHTER Filmfest Frankfurt International als Teil des LICHTER Art Award.