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Die Großen Schwarzen Vögel kommen

Friedlich sitzt ein Vogel in seinem Nest. Nichts scheint ihn aus der Ruhe zu bringen. Baumstämme liegen schwermütig ruhend auf dem weichen Waldboden.

Menschen starren durch ihre Kameras auf den langsamen, aber sicher kommenden Tod. Ein Tod, der riecht, der stinkt, der in der Nase beißt und dem Baum den Raum zum Atmen raubt. Rinden knacksen, Äste brechen. Ganz oben sitzt der Kormoran, brühte vor sich hin und scheißt auf sein Fundament. Ein Fundament, das auseinanderfällt. Zerrupft über Kilometer und Kilometer.

Rugilė Barzdžiukaitė lässt mich 63 Minuten über alledem als Beobachterin, Besucherin oder Beurteilerin schweben. Mittendrin die EU als Schützer des Vogels. Sie fängt für mich dieses absurde Sterben, diese Auseinandersetzung in ruhigen, langen Bildern ein. Immer wieder blicke ich skeptisch von den Bäumen auf die Besucher und Besucherinnen herab, die in den Naturpark auf der Halbinsel Kurische Nehrung in Litauen kommen, den schwarzen Vogel verabscheuen, sich seine Federn schnappen und wieder gehen.

Dabei steht der Mensch auf seiner begrenzten Plattform, er starrt und starrt, und wenn er noch länger starrt, bald ins Leere starrt. Gefangen zwischen Wald und Tieren, zwischen Blättern und Gift, zwischen Tod und Leben. Der Kormoran auf Augenhöhe mit dem Baum? Ist die schlussendliche Konsequenz, sich auf eine Seite zu stellen oder alles in Funken aufgehen zu lassen? Viel mehr liegt die simple Antwort für mich in dem Satz einer Reporterin: „In nature everything has its place and does what it has to do.“

Sophie Kaupp

 

Aus der Sicht eines Kormorans

Menschen können sehr viel und ausführlich über Exkremente reden. Jedenfalls über unsere Exkremente.

Die Exkremente von uns Kormoranen sind scheinbar höchst interessant und stellen einen guten Gesprächsstoff dar.

Sie alle sprechen in den unterschiedlichsten Sprachen und schnattern vor sich hin, wundern sich zugleich stets, wieso wir Vögel so laut sind. Sie reden über uns, während wir tagtäglich über sie tratschen. Das ist nur fair.

Tag für Tag erklimmen sie die Treppenstufen der Aussichtsplattform, von welcher aus sie uns in ihren Blick nehmen können. Es sind so viele, die jeden Tag kommen, um zu schauen. Dabei wundern sie sich, wieso es so viele von uns gibt.

Wir werden misstrauisch beäugt, und diesen Blick geben wir zurück. Wir sitzen hoch oben auf den Baumwipfeln. Unter uns knarzt das Holz der Bäume. Bald werden sie uns nicht mehr tragen. Wir verwandeln den Wald in einen Acid Forest. Kleiner bedauerlicher und surrealer Nebeneffekt unserer spannenden Exkremente – aber die Welt in der wir leben ist nun mal ganz schön surreal. Außerdem haben Bäume schon schlimmere Lebewesen und deren Eingriff in ihren Fortbestand überlebt.

Ein Mensch redet gerade darüber, wie er uns mit einem Maschinengewehr niederschießen möchte. Der nächste Mensch quiekt vor Entzücken und redet von der wundervollen Freiheit, die uns hier doch ermöglicht wird. Seltsame Menschen, sagt mein Kollege, und flattert irritiert mit seinen Flügeln. Der nächste findet unsere Vielzahl bedrohlich, wie wir so in Scharen über ihnen thronen. Ein Vergleich mit Vögeln aus einem Film. Ich bin kein besonders belesener Kormoran, jedoch sagt Hitchcocks Werk Die Vögel wohl jedem gefiederten Freund etwas. Hat unserem Ruf ganz schön geschadet. Looks like evil. Flying Rats. Wer hat Angst vorm schwarzen Vogel? Na vielen Dank auch.

Ich erhebe mich in die Luft und drehe eine Runde. Der Wind saust unter meinen Flügeln. Der Wald gleitet unter mir dahin, der Acid Forest. Looks like a nuclear fallout. Ich wage die steile These, dass der Vergleich von Exkrementen mit einer nuklearen Bombe etwas übertrieben ist, aber gut, wir wollen den Menschen ihre Übertreibungen lassen.

Verena Scheuerle

 

Willkommen im Endzeit-Zoo

Zahm und elegant, ein bisschen wie Statuen, sinnieren die einen. Bösartige Schädlinge, fliegende Ratten, da hilft nur ausrotten, deklamieren die anderen. Für Hitchcock Pate gestanden haben die schwarzen Ungetüme doch sicherlich. Hobbyepidemologen sprechen von Seuchenbegrenzung. Wäre da nur nicht der Naturschutz – kurioserweise killt die Kormoran-Kacke den Wald, aber der kackende Kormoran darf selbst nicht gekillt werden.

Ungerührt thront der mächtige Vogel über babylonischer Sprachverwirrung anströmender Touristenmassen und gefällt sich darin, aus der Distanz zu beobachten. Der empörte Gegenblick schweift über ein wortwörtliches Tal des Jammerns, in nackte Baumkronen, die verätzten Stümpfe kläglich gen Himmel gereckt. Ein eindrucksvoller Endzeit-Zoobesuch. Mit obligatorischem Erinnerungsfoto, denn das grausame Schauspiel versprüht hypnotische Schönheit, wenn ein aufgesplitterter Baumstamm sich sanft knarzend im Wind wiegt, wie ahnungslos. Bird’s Paradise.

Immer wieder wird es Nacht und der Mensch verschwindet wieder von der Bildfläche. Fast schon unweigerlich unterlege ich die karge Szenerie im Kopf mit einem Nine Inch Nails Industrial-Soundtrack, möchte Malick im Off über Existenzielles philosophieren lassen, problematisieren, intelligentes Kamerakonzept würdigen, aber am Ende bleibt nur die immer gleiche Erkenntnis: ja, wir sind eben alle nur Besucher. Und als Spezies im Angesicht rauer Naturschauspiele nicht selten trivial. Ist es eigentlich schwierig, ein Visum für Westrussland zu bekommen?

von Bilquis Castaño Manias

 

ACID FOREST
(RŪGŠTUS MIŠKAS)
Rugilė Barzdžiukaitė
Litauen 2018
63 Min

ACID FOREST läuft im Wettbewerb der 19. goEast Filmfestival des mittel- und osteuropäischen Films

Termine:
Sonntag, 14.04.2019, 16:30 Uhr, Caligari FilmBühne
Montag, 15.04.2019, 17:00 Uhr, Festivalzentrum