FILTHY Still 
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Erwachsenwerden ist nicht einfach, schon gar nicht, wenn man so etwas Schlimmes erlebt wie die junge Lena. In ruhigen, schmutzgrauen Bildern erzählt Regisseurin Tereza Nvotová eine Geschichte, die einen am Ende vor allem über jene, die eigentlich Helfer sein sollten, den Kopf schütteln lässt.

Lena (Dominika Morávková) ist im Grunde das, was man einen normalen Teenager nennt: Schule ist nicht so wichtig, viel lieber feiert sie mit ihrer Freundin Róza (Anna Rakovská) lange Nächte im Club. Ihr Lieblingsthema sind Jungs, einen Freund hatte sie aber noch nie, geschweige denn Sex mit jemandem. Aber da gibt es einen, den sie toll findet. Und auch ihre Freundin schwärmt für jemanden: ihren Lehrer Robo – gutaussehend, durchtrainiert, erfahren. Er gibt nicht nur Lena Nachhilfe in Mathe, sondern trainiert auch ihren Bruder Bohdan (Patrik Holubář). Bohdan ist körperlich behindert, vielleicht dreht sich deshalb die Welt von Lenas Eltern mehr um ihn als um die Teenagerin. Vielleicht ist Lena deshalb so, wie sie ist und reagiert sie deshalb so, wie sie es tut. Vielleicht.

Ihre Familie ist im Haus, als Lena von Robo während der Nachhilfe vergewaltig wird. Sie schreit nicht, zu Anfang wehrt sie sich noch, hat jedoch keine Chance zu entkommen. Mit ihren Eltern kann sie nicht darüber reden, auch nicht mit ihrer besten Freundin, also scheint es für sie nur noch einen Ausweg zu geben: Selbstmord. Als ihr Versuch, sich umzubringen, scheitert, landet sie in einer Klinik – ihre Eltern wissen nicht, wie sie ihr sonst helfen sollen. Doch auch dort bricht sie ihr Schweigen nicht, verständlich: Ihre Ärztin scheint unfähig, lässt die Gruppentherapie eskalieren; einer Patientin, die Ähnliches erlebt hat wie Lena, glaubt man ihre Geschichte nicht, stattdessen wird sie wieder nach Hause zu ihrem Peiniger geschickt. Die Hilflosen mit Tabletten und Elektrotherapien, welche die Erinnerungen löschen sollen, noch hilfloser zu machen, soll zum Erfolg führen, natürlich bleiben sie damit erfolglos.

Grau sind die Bilder, die die Kamera einfängt, grau und trostlos. Das Klinikgebäude wirkt mehr wie ein Gefängnis als ein Zufluchtsort für jemanden, der nicht weiter weiß. Regisseurin Tereza Nvotová erzählt die aufwühlende Geschichte der jungen Lena in ruhigen Einstellungen. Die Tristesse der Bilder steht der Intensität der Geschehnisse gegenüber. Eine bewegende Intensität, die vor allem Hauptdarstellerin Dominika Morávková in ihrem Spiel zeigt: Sie hat Angst, ist wütend, resigniert. Sie spielt im wahrsten Sinne am Abgrund, lässt ihre Rolle Lena auf einem schmalen Grat zwischen Verzweiflung und Hoffnung wandern. Aufgeben oder kämpfen? Sie will kein Opfer sein, aber genauso fühlt sie sich, als Opfer einer Vergewaltigung, mit der Angst, dass ihr keiner glauben wird. Ihr Lehrer, der ihr helfen sollte und eigentlich auch irgendwie Vertrauter und Freund der Familie ist, hat sie vergewaltigt. Bei ihren Ärzten, dafür ausgebildet, sie zu therapieren – so sollte man meinen – scheint sie nicht auf Unterstützung oder Hilfe hoffen zu können. Also was tun?

Am Ende entscheidet sich Lena dafür zu kämpfen. Sie will kein Opfer mehr sein. Tereza Nvotová findet in ihrer Geschichte für sie einen Ausweg aus der Ausweglosigkeit – vielleicht, um zu zeigen, dass in allen Dingen Hoffen und Kämpfen besser ist, als zu verzweifeln, vielleicht um Mut zu machen. Oder aber sie tut dies, um den Zuschauer mit einem Tabuthema wie Selbstmord letztendlich dann doch wenigstens mit einem kleinen guten Gefühl zu entlassen, dass sich ihre Hauptfigur gewehrt hat. Vielleicht aber auch, um am Ende zu zeigen, dass es um viel mehr geht, als nur um die Geschichte von Lena, sondern auch um den Umgang mit psychisch Kranken in der Slowakischen Republik. Vielleicht ist FILTHY (ŠPINA), der bewegende Debütfilm der Regisseurin, auch Kritik an einem System, in welchem eine Klassengesellschaft aufgetan wird, die es nicht geben sollte. Vielleicht.

von Friederike Mertes

ŠPINA (FILTHY) läuft beim 17. GoEast – Festival des mittel- und osteuropäischen Films im Wettbewerb.

Termine:
Sonntag, 30.04.2017, 18:30 Uhr in der Caligari FilmBühne, Wiesbaden
Montag, 01.05.2017, 16:00 Uhr im Apollo Kinocenter, Wiesbaden
Montag, 01.05.2017, 18:00 Uhr im Deutschen Filmmuseum, Frankfurt