Queen of Versailles, Jackie Siegel
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Lauren Greenfield beobachtet einen Milliardär und seine Trophäenfrau in der Finanzkrise: THE QUEEN OF VERSAILLES (2012).

Weihnachten, Fest der Besinnung, Zeit der Demut. Nicht so bei den Siegels in Orlando, Florida. Unter den prächtig geschmückten Weihnachtsbäumen im üppigen Salon der heimischen Villa werden in eiliger Folge Geschenkverpackungen aufgerissen. David Siegel, 75 Jahre alt und mit Urlaubsresorts zu unermesslichem Reichtum gelangt, hat im Laufe seines Lebens zwölf Kinder gezeugt. Sieben davon zerreißen nun buntes Papier, um die darunter liegenden Kostbarkeiten freizulegen.

Auch Adoptivtochter Jonquil wird beschenkt. Die 17-Jährige war in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen und nach dem Tod ihrer Mutter von ihrem Onkel aufgenommen worden. Euphorie steht ihr ob der großzügigen Präsente nicht ins Gesicht geschrieben. Dieser Wohlstand sei gewiss nicht normal, befindet das Mädchen. Aber: „Man gewöhnt sich schnell daran.“

Wie eine krisengeschüttelte Familie wirken die Siegels in diesen Szenen nicht. Dass der Hausherr im Zuge der großen Rezession Millionen verloren hat, ist kaum ersichtlich. Lauren Greenfield, die von Haus aus Fotografin ist und sich in „Kids + Money“ (2008) schon einmal mit Reichtum in den USA beschäftigt hat, zeigt diese sehr privaten Momente ohne Voyeurismus. In der Tat hatten sich David Siegel und seine vollbusige, dreißig Jahre jüngere Eheblondine Jacqueline über Jahre hinweg bereitwillig von der Kamera begleiten lassen. Anfangs noch mit völlig anderer Intention.

Zu Beginn des Films referiert David Siegel in einem goldenen Thron sitzend darüber, wie er weiland George W. Bush ins Präsidentenamt gehievt habe. „Not necessarily legal“ sei die Lobbyarbeit gewesen, was den Multimillionär aber nicht zu kümmern scheint. Sein neues Projekt wirkt mindestens ebenso wahnwitzig wie die Präsidentschaft des Cowboys George W.: Siegel will sich einen Palast errichten, ein Prunkschloss auf 90.000 Quadratmetern, nebenbei bemerkt das größte Wohnhaus der Vereinigten Staaten. Als Grund für die Megalomanie verkündet Siegel süffisant: „Weil ich’s kann.“

Doch dann kommt alles ganz anders: In eigefügten Nachrichtensequenzen führt Greenfield den monumentalen Bankencrash 2008 in die Handlung ein, man erfährt, dass Siegels Unternehmen Westgate Resorts Tausende Mitarbeiter entlässt. Das amerikanische Versailles bleibt eine tempelhafte Bauruine.

Jacqueline, die im Titel genannte Königin dieses Imperiums, mag sich nicht mit dem Verlust der Krone zufriedengeben. In einer besonders bizarren Szene belädt sie in der Spielwarenabteilung von Walmart mehrere überbordende Einkaufswagen mit Nippes, während im Off ihr Gatte über Einsparungen sinniert.

In der Tat lässt Greenfields Darstellung der Siegels keinerlei Raum für Mitleid. Zwar verwahrlost die Villa, Haustiere verenden oder hinterlassen Kot auf den Teppichen, weil ein Großteil der Bediensteten entlassen werden musste. Zwar müssen Jacquelines Kinder zum ersten Mal mit einem kommerziellen Flugzeug fliegen statt mit dem Privatjet, und die Mama muss erfahren, dass im Service eines Mietwagenverleihs kein Chauffeur inbegriffen ist. Doch unverkennbar bleibt, dass die Sippe immer noch sehr, sehr reich ist.

Das ganze könnte als zynische Studie über den westlichen Überfluss gelesen werden, doch tatsächlich bleibt sich die Regisseurin in ihrer Neutralität treu. Der Kontrast zwischen dem Pomp der Motive und dem nüchternen, geradezu schmucklosen Kamerastil fällt ins Auge. Künstlerische Ambitionen weist diese Dokumentation keine auf. So wirkt sie angemessen für das Abendprogramm eines Informationssenders, Kinos werden aber wohl für andere Werke gebaut.

Unter dem Weihnachtsbaum in Orlando liegt übrigens auch ein Geschenk für David Siegel. „Was soll ich denn mit Monopoly?“, fragt der Entrepreneur. Das Spielen mit Geld hat er wohl satt.

(Festivalkritik im Rahmen des LICHTER Filmfest 2015)