Der junge Leonardo genießt die Zeit. Schon da lernte er "Zucht und Ordnung" zu schätzen.
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Die Antisemiten lieben es zu hassen. Ihnen das Hassen zu verbieten, würde ihnen das Lieben verleiden. In Alberto Caviglias Debütfilm BURNING LOVE (PECORE IN ERBA) ist dieser Umstand der Beginn von Leonardo Zulianis (Davide Giordano) Leidensgeschichte. Anfang der 1980er erblickt er in Rom die Welt und fällt schon früh durch ungewöhnliches Verhalten auf – Leonardo ist Antisemit. Diese Tatsache versucht er mit aller Kraft zu verheimlichen, doch seine sich häufenden antisemitischen Ausfälle führen dazu, dass er sich schlussendlich vor seiner Familie outen muss.

Von da an ist Leonardos Leben von Krisen gezeichnet. In seinem Umfeld trifft er auf Unverständnis, man will es einfach nicht wahrhaben. Während einer Therapie, die ihn vom Antisemitismus heilen soll, wird jedoch die Existenz eines „Antisemiten-Gens“ bei Leonardo nachgewiesen. Durch diesen Befreiungsschlag wird er zu einer Galionsfigur der Unterdrückten und charismatischer Kämpfer für die Meinungs- und Redefreiheit von Antisemiten. Als medialer Star steht Leonardo immer wieder im Mittelpunkt gesellschaftlicher Kontroversen, bis er eines Tages spurlos verschwindet.

Caviglias Film im Mockumentary-Stil setzt bei einer Kundgebung anlässlich von Leonardos sechsmonatigem Verschwinden an. Zu seinen Ehren wird beim real existierenden Kanal „Sky TG24“ ein Dokumentarfilm über sein Leben gezeigt. BURNING LOVE ist von popkulturellen Referenzen und Cameo-Auftritten italienischer Stars unterschiedlicher Sparten durchsetzt. So entwickelt sich das Debüt zu einer Collage aus Interviews, Fotografien, nachgestellten Filmszenen und vermeintlich echten Aufnahmen von Leonardos Leben.

Leonardos antisemitische Vorlieben werden als klassische Elemente einer Coming-Out-Geschichte inszeniert. Damit wird er zu einem subversiven Anti-Helden innerhalb seiner Umgebung. So erinnert Leonardo in seiner leicht oberflächlichen Darstellung als aneckende Leidensfigur an die Protagonisten von Regisseur Ferzan Özpetek („Männer al Dente“; „La Magnifica Presenza“), mit dem Caviglia seit 2006 an unterschiedlichen Projekten zusammengearbeitet hat. Diese Charakterisierung Leonardos, die mit einem linksalternativen und attraktiven Aussehen einhergeht, macht ihn zu einem sympathischen Filmhelden. Damit skizziert Caviglia ein zeitgenössisches Problem – die gegenseitige Entdeckung der Popkultur seitens der Rechtsextreme und die des Antisemitismus seitens der Popkultur.

In seinem Stadtviertel Trastevere, probiert sich so Leonardo in unterschiedlichen Subkulturen aus. Dabei sind nicht nur Neonazis, sondern unter anderem auch Buddhisten, die Linke und selbst akademische Kreise, die allesamt sich auf einer antisemitischen Diskussionsbasis bewegen. Das Verstörende dabei ist, dass die Ressentiments der Gruppierungen gegen Juden, einen kaum überraschen. Es erstaunt nicht, dass die politische Diskussion der Linken über Israel in extremen Kreisen nahtlos in offenen Judenhass übergeht. Auch die geschichtsrevisionistischen Ideen von Leonardos Professor meint man schon mal so gehört zu haben. Am vertrautesten sind jedoch die kleinen antisemitischen Bemerkungen, die die interviewten Passanten unkommentiert im Nebensatz erwähnen.

Einiges geht leider an einem deutschen Zuschauer vorbei. Könnte man noch eventuell die rechte Naturwissenschaftler-Gang „Liga-Nerd“ mit der rechten separatistischen Bewegung Norditaliens „Lega-Nord“ in Zusammenhang bringen, so wird es schon bei der geographischen Zuordnung von Leonardos Wohnviertel schwieriger. Denn das Anprobieren unterschiedlicher politischer Bewegungen innerhalb eines einzigen Viertels scheint auch eine Parodie von Roms beliebten Hipster-Viertel Travestere, wo sich links und konservativ, alternativ und alteingesessen die Hand geben.

Leider sind jedoch die popkulturellen Verweise auf die moderne Medienwelt und politische Ereignisse in Caviglias Film so zahlreich, dass einem die klassische Spielfilmlänge von 87 Minuten am Ende recht lang vorkommt. Gerade im letzten Drittel verliert der Film deswegen an Stärke. Die Handlung wird noch konfuser, die Gags zwar häufiger, aber auch weniger treffend. Die großen Vorbilder für das von Caviglia gewählte Format des Mockumentary wie „Zelig“ von Woody Allen, Rob Reiners „This is Spinal Tap“ oder Lars Jessens „Fraktus“ wirken im Vergleich konzentrierter.

BURNING LOVE ist ein furioses Debüt von einem jungen Filmemacher, der viel zu sagen hat, aber vielleicht noch nicht weiß wie man das Gesagte priorisiert. Das macht den Film an manchen Stellen holprig, jedoch vermag man es einem Debüt zu verzeihen. Gerade im polemischen italienischen Politdiskurs ist das gewählte Thema mutig und wirkt in Zeiten einer neuen xenophoben, aber auch explizit antisemitischen Tendenz innerhalb der modernen Gesellschaft erfrischend medienreflexiv.

Olga Galicka