Evin
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Wie fühlt sich dieser Ort an, dort in der Mitte zwischen deinem und meinem Schweigen? Nimmst du mich mit? Erlaubst du mir zu verstehen, was dir passiert ist?

Maryam Zaree sucht in ihrem Dokumentarfilm Born in Evin nach ihrer Geschichte, nach der Geschichte ihrer Mutter und der eines Traumas einer ganzen Generation geflüchteter Iraner*innen im Exil. Die Schauspielerin Zaree wurde 1983 in Teheran, im gefürchteten Evin-Gefängnis geboren. Ihre Mutter Nargess Eskandari-Grünberg wurde als eine von vielen politischen Gegnern und Gegnerinnen des Regimes von Ajatollah Ruhollah Chomeini verfolgt und inhaftiert. Zwei Jahre später flüchtet Nargess mit Maryam nach Deutschland, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Drei Sätze, die von einem schwierigen Weg erzählen. Viel mehr weiß auch Maryam Zaree nicht, als sie beginnt, in der ihr verborgenen Vergangenheit zu suchen.

Die größte Nähe trägt oft den größten Schmerz in sich. So versuchte Maryams Mutter, als sie in Deutschland ankam, nach vorne zu blicken. Die Sorgen der Gegenwart waren groß genug. Wie sie sich und ihre Tochter ernähren kann. Und trotz allem, war sie angekommen in einem sicheren Land. Ein Land, dass jetzt viele Jahre später ihre Heimat ist. Heute, sowie früher, ist das sehr wichtig für Maryams Mutter. Dankbarkeit für das, was man jetzt hat. Den Frieden der Gegenwart füreinander zu schützen. Die promovierte Psychologin Nargess ist heute Teil des öffentlichen Lebens in Frankfurt als Kommunalpolitikerin der Grünen. Sie ist angekommen. Warum also die Vergangenheit hervorholen? Aber Maryam kann das nicht. Sie kann nicht mit dieser Unwissenheit über ihre Geschichte und die ihrer Mutter leben. Sie beginnt zu suchen. Zu sprechen. Und zu finden. Das Mosaik einer Vergangenheit aus fragilen Fragmenten.

Mit großer Empathie begegnet Maryam auf dieser Suche ihrem Vater, den Freundinnen ihrer Mutter, ihrer Tante, Zusammenkünften von Iranerinnen im Exil: verschiedenen Menschen, die die Vergangenheit mit Bildern füllen. Sie versucht einfühlsam nach dem zu suchen, was nie jemand mit ihr teilen wollte. Auf diesem Weg begegnet sie großem Zuspruch genauso wie Unverständnis und Angst. Eine Angst zu sprechen. Eine Angst vor Verfolgung, vor Geheimdiensten, die noch immer das Schweigen nährt. Denn das was hervorkommt, ist in mehr als einer Erzählung brutal und grausam. Der Schmerz, den diese Geschichte in sich trägt, ist groß. Maryam lässt es zu, dass wir diesen Schmerz sehen und jeden Schritt mit ihr gehen. Deswegen ist ihr Dokumentarfilm so großartig. Er erzählt aufrichtig, ehrlich und berührend. Zwischen all den dunklen Erinnerungen, die mit ihr geteilt werden, verliert Maryam nie ihre Leichtigkeit. Sie findet Antworten in einem Garten in Frankreich unter dem Licht der Nachmittagssonne im Sommer. Unterwasser und in wackeligem Persisch auf einem alten Sofa oder dem Teppich im Untergeschoss eines Hotels.

Vor allem aber begegnet Maryam ihrer Mutter. Denn das Schweigen da zu brechen, wo es über viele Jahre eingezogen war, ist am schwersten.

Born in Evin stellt sich einer elementaren Frage, die unsere Gesellschaft teilt. Die eine Hälfte glaubt, es sei besser in das Licht der Zukunft zu schauen. Die Gegenwart von der Vergangenheit zu trennen, vor ihr zu schützen. Und vor allem nicht in ihr zu graben, sondern im Moment, im Hier und im Jetzt zu sein. Was wir nicht angucken, ist auch nicht da? Was wir verbergen, gehört nicht mehr zu uns?

Wie aber ankommen im Jetzt, wenn man spürt, dass da etwas ist, das uns nicht loslässt? So trägt die andere Hälfte die Sehnsucht in sich, alles zu sehen, zu fühlen, zu verstehen. Lassen sich Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft überhaupt voneinander trennen? Und wie kann man sich selbst nah sein, wenn man nicht weiß, woher man kommt?

Was man am Ende findet, mag oft ganz anders sein, als was man vermutete zu suchen. Dort, zwischen dem einen und dem anderen Schweigen.