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Wenn der Kampfsporttrainer die auf der Matte liegende Katja mit den Worten „rauf – runter – rauf – runter“ anschreit, scheinen diese Worte wie das Echo des kleinen Kosmos dieser Jugendlichen zu sein. Ein kraftvolles Abstürzen, ein lethargisches Hängenbleiben, und ein hoffnungsvolles wieder Hochstemmen wechseln sich in den kalten Tagen und warmen Nächten des letzten Winters vor dem Abitur in der Provinz ab.

Katja, Sascha, Benni, Schöller und Laila treiben auf kleinstem Raum durch ihre letzte gemeinsame Zeit. Sie fallen füreinander, auseinander und vor allem ineinander. In die Schule geht nur, wer es morgens aus dem Bett schafft. Alkohol, Nikotin und Marihuana fließen durch das Blut, erwärmen die Nächte und erkälten die Morgen. Unerfüllte Wünsche, Sehnsüchte, und Hoffnungen fließen durch die Herzen. Zuneigung wird zumeist im Keim erstickt. Außer es ist dunkel, Weihnachten, oder die existentielle Leere und Einsamkeit scheint allein nicht mehr aushaltbar. Dann spricht die Zärtlichkeit in filigranen Berührungen. Leberflecke zählen im schummerigen honiggelben Licht der Einzimmerwohnung.

Melanie Waeldes Spielfilmdebüt erzählt präzise und schonungslos von einem fragilen Zusammenhalt fünf Jugendlicher. Zeitweise scheint das Coming-of-Age-Drama wie ein Gedicht der Realität. Es ist schwierig, in der Geschichte anzukommen und Halt zu finden. Immersive Sequenzen kontrastieren episodisch das Gefühl großer unerfüllbarer und deswegen teilweise frustrierender Neugierde.

Doch durch genau dies scheint der Film zu uns zu sprechen. Jeder zeigt nur so viel, wie er bereit ist zu geben oder vielleicht kann. Das wird in Momenten niederschmetternd. Etwa in Bennis wiederholtem Versuch, Katja mehr noch seelisch als körperlich nah zu sein. Halt finden als existentielles Bedürfnis scheitert. Schmerz in all seinen Nuancen scheint der Kitt der Jugendlichen und gleichzeitig der Einzelteile in „Nackte Tiere“ zu sein. Subtil in der Seele getragen kann der Schmerz sein. Blutig, brutal und gewalttätig kann er sein. So entfaltet sich der Film in einem symbiotischen Zusammenspiel aus Inhalt und Form.

Die Dringlichkeit, Unmittelbarkeit, Intensität der Geschichte findet sich aber vor allem in der Symbiose von großem schauspielerischem Talent und eigenwilligen Charakteren. Die Gesichter und Körper der fünf jungen DarstellerInnen tragen ihre Geschichte auf und unter ihrer Haut. Die Vulgarität ihrer Worte und die intuitiv rohe Körperlichkeit erzählen einnehmend von einem rauen Kosmos. Das Herausstrampeln aus diesem wandert mal sichtbar, mal unsichtbar als Wunsch, Hoffnung, Sehnsucht durch diese Figuren.

Melanie Waelde kreiert in ihrem 83-minütigen Quadrat verlorener Seelen eine ganz eigene Handschrift. Das Quadrat des eigentümlichen Bildformats ist wie die Einzimmerwohnung, ist wie das Kaff, ist wie das Leben. In diesen vier Ecken fällt alles ineinander. Rauskommen ist schwer. Die junge Regisseurin erzählt diese fordernde Geschichte eines kaputten Zusammenhalts und des Ablösens auf Augenhöhe. Es gibt keine Erklärszenen für das Publikum, keine Rückblenden, die zeigen würden, in welchen Erlebnissen der zugleich explosive und verschwiegene Charakter Katjas geformt wurde.

Warum erzählst du eigentlich nie etwas über dich?“, spricht Benni uns aus der Seele. Vergangenheit und Geschichten bleiben der verborgene Raum zwischen den Versen dieses Gedichts. Melanie Waelde erzählt mit Mut. Mut zur Lücke, Mut zur Schonungslosigkeit und Mut, der in der Aufforderung liegt, den Raum zwischen den Versen selbst zu füllen. Sich der Leere hinzugeben, und sie auszuhalten.