Hross---A-sandwich-(1)
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Pferde und Menschen, Liebe und Tod: Benedikt Erlingssons Spielfilmdebüt hat alles, was zu einem ausgereiften Drama gehört. Mit einer ordentlichen Prise Sex und schwarzem Humor kommt dazu noch ein hinterlistiges Lachen in den Zuschauerraum.

Die Beziehung zwischen Mensch und Pferd ist seit jeher innig. Innig, ein bisschen kompliziert und faszinierend. „Ein Pferd, ein Pferd! Ein Königreich für ein Pferd!“ ruft Shakespeares König Richard im gleichnamigen Stück; und der Stallbursche Alan Strang in Equus – ohjeh. Of Horses and Men (Hross í oss) erzählt modern und zynisch von dieser zwiespältigen Innigkeit und bringt sie in sechs Episoden ganz unterschiedliche Facetten in den Kinosaal.

Da gibt es einmal Kolbeinn und seine zum Verlieben schöne, frischgezähmte Stute, die im Tölt, der fast komisch anmutenden Gangart, die nur den Isländern zu eigen ist, über die schwermütige Landschaft fliegen. Wenn sie vorbeireiten, ist es fast so als ob ein Glitzerschauer auf die beiden herabregnet. Dass das Glitzern jedoch von der Sonnenreflektion der nachbarlichen Ferngläser kommt, ist dabei Nebensache: Neugier ist ja schließlich menschlich. Die Witwe Solveig hat ein Auge auf den Junggesellen geworfen, muss sich aber gegen zwei andere, entschlossene Damen behaupten. Ihr stattlicher Hengst hingegen ist da weniger subtil, er versteht es die Gelegenheit zu ergreifen, um mit Kolbeinns Stute zu tun, was Verliebte nun einmal so tun.

Erlingssons Protagonisten sind Herdentiere und keineswegs bösartig, trotzdem geraten sie manchmal heftig aneinander. Nicht immer sind sie mit den Zäunen zufrieden, die sie sich gegenseitig spannen – sind sie doch ein ganz entschiedener Makel in der verträumten, isländischen Landschaft. Fallen die Zäune jedoch, und sei es auch nur für einen kurzen Augenblick, endet das meistens auf die ei

ne oder andere Weise blutig. Dennoch finden sie nach diesen kurzen, fatalen Aufeinandertreffen zumeist wieder friedlich zusammen und reiten im gemeinsamen Rhythmus in die schroff-schöne Weite.

Einsamkeit kann nämlich gefährlich sein: Als ein heißblütiger, spanischer Tourist auf dem kaltblütigen Islandpferd von seiner Gruppe abkommt, bleibt ihm nur noch ein sehr intensiver, innerer Einblick in sein Ross um die eisige Nacht zu überleben. Ein kleiner Wermutstropfen mag hier vielleicht die Übermacht des Schweizer Taschenmessers sein, jedoch machen der Charme und die Bildästhetik, mit denen Erlingsson seine Geschichten erzählt, solch kleine Unglaubwürdigkeiten verzeihbar.

Of Horses and Men ist eine Liebeserklärung an das Pferd. In extremen Close-Ups wird seine Anmut bis ins Detail bewundert. In den Augen der Pferde liegt die Schönheit der Erde, zumindest wenn man sieht, wie das verträumte Island und die entschlossenen Gesichter ihrer menschlichen Gefährten über diese gelassenen, dunklen Seen schillern. (Aber keine Sorge, die Augen der Pferde bleiben diesmal unversehrt!) Erlingssons Bilder stehen manchmal im schroffen Kontrast zu den Grausamkeiten, die er seinen Figuren antut. Zwischen der Ästhetik des Details und der Weite der Landschaft kann es bisweilen ganz schön schmerzlich zugehen. Manchmal fühlt man sich unwohl, wenn man die Schicksale auf der Leinwand betrachtet, immer jedoch wird man gerettet, wenn man die nächste Einstellung bewundert. Worte hingegen braucht er kaum, um seine Geschichten zu erzählen und wenn, dann sind sie rar, über viele Sprachen versprengt und zeugen von feinsinnigem Gespür für Witz.

Islands diesjähriger Beitrag für den Oscar in der Kategorie fremdsprachige Filme geht dem Menschlichen im Pferd und dem Pferd im Menschen auf die Spur. Das Königreich, das Erlingsson seinen Pferden bietet ist vielleicht nicht das strahlendste. Vielleicht ist auch die Beziehung seiner Bewohner zum Alkohol ein kleines bisschen zu innig und ganz gewiss haben auch dort schon Motorgestotter und Benzingeruch ihren Einzug gefunden.

Trotzdem kann man hier, und nur hier im schneebedeckten Moosgrün Islands, noch erkunden, was es ist, das Pferd und Menschen so tief verbindet. Fast ist man ein bisschen wehmütig, wenn man das Kino verlässt und seinen Fuß auf Kopfsteinpflaster und Asphalt setzt.