"Pretenders" von Vallo Toomla (c) LICHTER Filmfest
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Anna und Juhan haben sich den Sommer über im Strandhaus wohlhabender Freunde einquartiert: ein moderner Prachtbau, der nur aus Waschbetonwänden und Panoramafenstern zu bestehen scheint. Statt sich darüber richtig freuen zu können, scheinen beide -ohne es sich gegenseitig einzugestehen- frustriert zu sein. Anna liegt bewegungslos auf einer Luftmatratze im Pool ihres Ferienhauses. Die Sonne scheint, der Pool sieht einladend aus. Juhan allerdings ist nicht sonderlich guter Laune. Er nimmt Anlauf und springt neben ihr ins Wasser. Juhan ist Journalist und hat soeben von einem Kollegen erfahren, dass er wohl kurz vor der Kündigung steht. Anna meint dazu nur, er habe ja sowieso davon gesprochen etwas anderes ausprobieren zu wollen. Juhan tröstet das nicht; gerade jetzt nicht, als die beiden im Traum von einem Haus wohnen – einem Traum, den sie sich selbst wohl nie erfüllen können. „Wir dürfen nicht streiten, solange wir hier sind. Wer weiß, wann wir wieder die Chance haben in so einem Haus zu leben.“, meint Juhan. Ihre Bleibe auf Zeit macht ihnen nur allzu schmerzlich ihre eigene berufliche Mittelmäßigkeit bewusst.

Darunter schwelen Beziehungsprobleme wie unerfüllte sexuelle Bedürfnisse und Annas alleiniger Kinderwunsch. Doch der Rest des Films besitzt keineswegs die Form eines klassischen Beziehungsdrama: Die Probleme der zwei Figuren werden von Regisseur Vallo Toomla in seinem Langfilmdebüt PRETENDERS auf einer ganz anderen, unerwarteten Ebene ausgerollt und abgehandelt.

Am Strand treffen Anna und Juhan auf ein anderes Pärchen, die Camper Triin und Erik. Anna lädt die beiden gegen Juhans Willen in ihr Feriendomizil ein. Triin und Erik scheinen Anna und Juhan in ihrer Lebenssituation ziemlich ähnlich zu sein, doch da diese annehmen, dass Juhan und Anna die Besitzer des Anwesens sind, fängt Anna an, diese Rolle dankbar anzunehmen und auszubauen. Juhan ist zunächst abgestoßen von ihrem Verhalten, lässt sich dann aber unerwartet auf ihre Machtspielchen mit Triin und Erik ein.

Es bleibt nicht lange beim spaßigen Rollenspiel: PRETENDERS wird nach allen Regeln der Kunst zu einem Psychothriller. Als Zuschauer*in traut man sich kaum den Blick auch nur eine Sekunde von der Leinwand zu lösen, sondern ist, wie die Figuren, gefangen in einer grauen, kühlen Welt aus Waschbeton und Glas. Das Haus hat eine unglaubliche Präsenz, die durch den Kontrast zu den wunderschönen Aufnahmen von Strand und Meer noch einmal betont wird..

Die Figuren zeugen von einer facettenreiche Tiefe, die von den Schauspieler*innen glaubhaft vermittelt wird. Sie legen nach und nach immer neue charakterliche Züge und Abgründe frei, die sich aber teilweise widersprechen und oft auch nur der erfundenen Lebenssituation geschuldet sind.

Der Film wird dadurch für das Publikum zu einer Achterbahnfahrt der Sympathien und Antipathien, da es sich gegenüber der Figuren ständig neu positionieren muss. So wirkt Anna zunächst sympathisch, wird aber schnell zum Hassobjekt der Zuschauer*innen, während Juhan -aufgrund seiner anscheinend missglückten Partnerwahl- bemitleidenswert erscheint. Der Film bietet trotz aller Doppelbödigkeiten tiefe Einblicke in die Psyche seiner Protagonist*innen und spart dabei nicht mit Anspielungen, Zweideutigkeiten und falschen Fährten.

So wie das Wetter im Film stets unberechenbar zwischen Regengüssen und Sonnenschein wechselt, kippt auch die Stimmung im Film urplötzlich. Spätestens als Gabeln zu Waffen umfunktioniert werden, scheint alles möglich, und man rechnet beinahe mit einem filmischen Wetterumschwung in Richtung Splatterfilm. Wahrheit und Illusion verschwimmen immer mehr, der Ausgang bleibt ungewiss.

PRETENDERS ist damit ein erfrischender Debütfilm aus Estland, der sein Publikum bis zur letzten Sekunde fesselt, bei dem mit dem Ende des Filmes die Gedanken des Filmes noch nicht zu Ende gedacht sind.

von Anna Bell

Gesehen beim LICHTER Filmfest Frankfurt International als Teil des internationalen Wettbewerbs zum Thema “Wahrheit”.