Szene aus "Rückenwind von vorn"
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Man nehme eine Berliner Lehrerin Ende zwanzig, ihren spießigen Freund mit Eisprung-App, einen grundsympathischen Kollegen samt Wohnwagen sowie eine Oma im Paintball-Kostüm und lasse das Ganze zugedeckt bei milder Hitze etwa 77 Minuten köcheln. Dann gebe man eine Portion Wanderlust und reichlich gesellschaftlichen Druck zur Familienplanung hinzu, lösche alles mit ein paar Feel-Good-Songs ab und würze es mit ein bisschen DIY-Charme. Was dabei rauskommt, ist kein gutbürgerliches Gulasch mit Rotkohl und Klößen, sondern Philipp Eichholtz’ neuester Film RÜCKENWIND VON VORN. Ein Gemisch aus Rom-Com, Roadmovie und Coming-of-age – leichte Kost, durchaus herzhaft, aber irgendwie doch nur lauwarm.

Fünf Jahre feste Beziehung mit Freund Marco (Aleksandar Radenković), Referendariat an der Grundschule inklusive sicherer Rente – der nächste logische Schritt in unserer mit über 7,5 Milliarden Menschen bevölkerten Welt ist für ihn ganz klar ein eigenes Baby. Für Protagonistin Charlie (Victoria Schulz) ist aber noch nicht so klar, ob sie das jetzt oder überhaupt möchte. Will sie vielleicht doch lieber nach Südkorea reisen, anstatt auf eine neue Wohnung zu sparen? Doch lieber die Vorzüge öffentlichen Trinkens auf Berliner Straßen ausnutzen, anstatt ihrem Freund beim Videospielen zuzuschauen? Doch vielleicht weiterhin die Pille nehmen, um noch etwas Zeit zu gewinnen?

Marco ist nicht nur in seinen Games bereit für das nächste Level. Charlie aber sucht das Unerwartete. Zum Beispiel in der Slowakei, wohin sie sich auf einen Roadtrip mit Kollege Gerry (Daniel Zillmann) und ihrer lebenslustigen Oma (Angelika Waller) begibt, um sie nach deren Krankenhausaufenthalt mit ihrem Lieblingsessen zu überraschen. Die Einsicht, dass „früher alles besser war“ kommt jedoch nicht von Oma Lisbeth, sondern wird durch Flashbacks auf der Tonebene suggeriert. Gespräche der ersten Begegnung von Charlie und Marco und die anfängliche Verliebtheit werden in Kontrast zu den Bildern des drögen Alltags gesetzt. Wie sehr es ihr mit ihrem Freund mittlerweile bis oben steht, gibt Charlie besonders gut zu verstehen, wenn sie sich nach einer durchgefeierten Nacht tatsächlich auf seine Schulter übergibt. Vielleicht auch, um ihm zu zeigen, was mit einem schreienden und brechenden Säugling so auf ihn zukommen würde, denn das scheint er durchaus zu unterschätzen.

Bei aller vorgeblichen Ausbruchsstimmung läuft der Film jedoch auf ziemlich vorgefertigten Bahnen. Alltägliche Situationen werden von der stets bewegten Handkamera eingefangen (Kamera: Fee Scherer), der Blick bleibt jedoch meistens dort, wo man ihn erwartet. Die Thematik der Selbstfindung wird etwas plakativ durch das Poster eines weiteren Darling Berlin Indie-Filmes im Schlafzimmer des Paares („Rebecca“ von Anna F. Kohlschütter), durch Charlies Lektüre eines Emanzipationsdramas (Henrik Ibsens „Nora – Ein Puppenheim“) und durch die Lyrics „Lass uns aufbrechen Baby“ im begleitenden Soundtrack („Rennrad“ von Dota Kehr) aufgegriffen. Bedeutungen werden hier Happen für Happen auf dem Silbertablett serviert – Interpretation for take-away quasi. Ohne genaues Rezept und mit nur losem Skript kamen die Darsteller_innen aus und bringen durch die häufig improvisierten Dialoge eine Leichtigkeit in den Film, die dann doch die herbeigesehnte Spontanität spüren lässt.

Bei Oma schmeckt’s bekanntlich am besten, aber RÜCKENWIND VON VORN hätte eine Prise mehr Experimentierfreudigkeit nicht geschadet, um die Geschmacksnerven etwas mehr zu stimulieren.

von Vivien Cahn