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Beide hatten sie andere Pläne. Kerstin und Thomas wollten eigentlich nicht mit Anfang 40 in einem kleinen hessischen Dorf namens Bergenstadt leben und allein sein. Thomas strebte eine Professur an und Kerstin stellte sich ein glückliches Eheleben vor. Doch da sind sie nun, finden sich wieder in der oberhessischen Provinz, er mit einer vermasselten Promotion im Gepäck, und sie vor den Trümmern ihrer jungen Ehe. Genau dort spielt Brigitte Maria Berteles untypischer Liebesfilm GRENZGANG, die Verfilmung des hoch gelobten Debütroman GRENZGANG von Stephan Thome, welcher 2009 erschien.

Erfunden ist Bergenstadt nicht, obwohl man den Ortsnamen so auf keiner Karte finden wird. Vielmehr kommt die Beschreibung des Schauplatzes der Geschichte dem realen Ort Biedenkopf sehr nahe. Das wundert nicht, denn der Autor ist selbst hier aufgewachsen. Da ist es nur konsequent, dass hier ein Großteil des Films gedreht wurde. Außerdem konnte hier etwas mit der Kamera eingefangen werden, was die Geschichte auf eine ganz besondere Weise einrahmt: der traditionelle Grenzgang.

Alle sieben Jahre geht es wild her in Bergenstadt. Ein großes Volksfest wird ausgerichtet, um den Brauch des Grenzgangs zu feiern. In früheren Zeiten gingen die Dorfbewohner in steter Regelmäßigkeit die äußeren Grenzen ihrer Dörfer ab, um sicherzugehen, dass sich keiner „an den Grenzsteinen zu schaffen gemacht hat“. Ein traditioneller Umzug mit Kostümen und viel Getöse erinnert heute an diese Zeiten, doch in den eigentlichen Mittelpunkt des Festes sind der Spaß gerückt, das gemeinsame Feiern und das Kennenlernen.

So sieht es auch Thomas, als er kurz nach seiner Doktorarbeit in Berlin wieder zurückkehrt zum Ort seiner Jugend, um Grenzgang zu feiern. Genau das Falsche, wenn es nach seiner Freundin in Berlin geht. Er solle stattdessen ein Mann sein, sich aufregen und wütend sein. Anstatt im Selbstmitleid zu versinken, solle er sich seinem Professor stellen, der ihm durch die schlechte Benotung der Doktorarbeit seine Uni-Karriere verbaut hat. Doch er fährt lieber heim, haut ab.

Und hier ist er nun, verlässt das Festzelt Richtung eines kleinen Steges am Hintereingang. Kerstin ist auch da, sie wartet, auf ihren Sohn. Trotz des schwachen Lichtes, das von einer Laterne am Steg auf sie fällt, sieht man beiden ihre Nachdenklichkeit an. Thomas geht auf sie zu, erzählt ihr in tragenden Worten von seiner Zeit in Berlin, von seiner Promotion. Er will es loswerden, und noch was anderes will er, auch wenn Kerstin sich nur zögerlich darauf einlässt. „Das willst du nicht wirklich“, sagt sie, seinen Versuch der Annäherung bemerkend. Und doch erwidert sie den Kuss, zaghaft und ohne recht zu wissen warum, so scheint es zumindest. Die Zärtlichkeit hält nicht lange an. Nach dem kurzen Moment des Kusses sieht sie ihn an wie ein Museumsbesucher ein Gemälde, fasziniert zwar, aber ebenso unsicher über die Bedeutung des Bildes. Schnell trennen sich ihre Wege wieder.

Thomas wird Studienrat in Bergenstadt, und Lehrer von Kerstins Sohn. Kerstins Ehe mit Ihrer Jugendliebe zerbricht. Wegen ihm ist sie damals überhaupt hierhergekommen, in die Provinz. Nun kreist ihr Leben zwischen der Pflege ihrer kranken Mutter und den Streitigkeiten mit ihrem pubertierenden Sohn. Fast sieben Jahre vergehen, bis sie ich erneut näherkommen, bis Kerstin Thomas zu sich einlädt, in ihren Garten, um über ihren Sohn und sein Verhalten in der Schule zu reden. Sie reden aber über mehr, über das Leben, und über den einen Abend auf dem Steg.

Es gibt nicht viele Zeitpunkte oder Stellen im Leben, die wie Wegkreuzungen sind. „Wenn man dort steht, sieht man einen Moment lang alles: die Wege, die man gegangen ist, die anderen, die man hätte gehen können, und die ganz anderen, an die man nie gedacht hat.” Genau wie Thome es in seinem Roman formuliert hat, haben Kerstin und Thomas das Glück, eine solche Stelle zu finden. Plötzlich ist da ein Weg, der für keinen der beiden vorher sichtbar war. Sie sehen, dass sie gar nicht so weit voneinander entfernt sind, wie sie vielleicht geglaubt haben. Was man doch alles finden kann, wenn man nur mal an seinen Grenzen geht.

Dieser feinfühlige Film über die Liebe ist eigentlich fürs Fernsehen gemacht und hatte seine Erstausstrahlung Ende 2013 in der ARD. Doch seine Wirkung entfaltet sich mindestens genauso gut auf der Leinwand. Auf dem diesjährigen Lichter Filmfest in Frankfurt war es ein Highlight des letzten Festivaltages. Zurecht versauert GRENZGANG von Brigitte Maria Bertele nicht in irgendeinem Fernseharchiv, weil der Film uns zeigt, ohne Pathos, ohne Übertreibung und ohne rosa Brille, wie das Leben eben spielt.